Eine runde Sache

19. Mai 2012

Der Reiseführer MADEIRA von Irene Börjes

eins - So flüssig wie dieser Reiseführer ist kaum ein anderer geschrieben. Ob geschichtlich, botanisch, kulturell oder wirtschaftlich – neudeutsch würde man sagen: „Die Insel kommt gut rüber.“

Die Sportlichen, die wandern wollen, sowie die Bequemen, die die Insel per Rundfahrten kennen lernen wollen, finden reichlich Material für ihre Unternehmungen. Die Hauptstadt Funchal und die verschiedenen Regionen der Insel sind kenntnisreich beschrieben. Auch auf die jeweiligen Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten weist die Autorin akribisch hin.

Ein historischer Fehler, der allerdings die Urlaubsfreuden - auf Madeira unterwegs mit diesem Reiseführer in der Hand - in keiner Weise trübt: 1926 putschten die Streitkräfte zwar, aber nicht, wie behauptet, unter Salazar. Die Streitkräfte verboten nach der Eroberung der Macht alle Parteien bis auf die katholische. Deren früherer Fraktionsführer im aufgelösten Parlament war Professor António de Oliveria Salazar. Er wurde vom Militär mit der Regierung Portugals beauftragt. (So ist übrigens auch zu verstehen, dass die jahrzehntelange Diktatur den Segen der portugiesischen Kirche hatte.)
Andere Unrichtigkeiten im Reiseführer sind nicht der Autorin anzulasten, sondern Resultate einer schnellen Veränderung. Der Reiseführer ist 2009 komplett überarbeitet und aktualisiert worden. In den wenigen Jahren danach sind jedoch teilweise völlig neue Fakten entstanden. So zum Beispiel hat das große Unwetter von 2010 das wunderschöne historische Lido-Schwimmbad völlig ramponiert. Da Madeira erhebliche Geldsorgen hat, wurde dieses Meeresschwimmbar bislang nicht restauriert.
Auch für den alten Park Quinta Magnolia fehlt das Geld. Das Meeresschwimmbecken hat seit Jahren kein Wasser mehr, die Bar ist geschlossen, ebenso wie die Squash-Halle. Und wegen Einsturzgefahr sind die beiden zentralen Tennis-Plätze gesperrt.
Nach dem Unwetter von 2010 mussten die Flussbetten der Innenstadt Funchals von Geröll befreit werden. Leider hat die Inselregierung einen großen Teil davon an die Uferpromenade im Hafen karren lassen. Als Irene Börjes für die letzte Auflage recherchierte, war die Promenade tatsächlich noch „bildschön gestaltet“, über die angekippten Steine wird in Funchal heftig gestritten.
Ebenfalls neu entstanden sind in den vergangenen Jahren drei Shoppingcenter an der Peripherie der Hauptstadt. Eine Wirtschaftsberechnung kam zu den Schluss, dass diese drei „Einkaufsparadiese“ den Bedarf von einer Million Konsumenten abdecken. Funchal selbst hat allerdings nur 120.000 Einwohner, Madeira insgesamt etwa 270.000 Einwohner. Konsequenz des Überangebots an Waren in den Einkaufszentren ist, dass viele kleinere Läden schließen müssen – nicht nur in den Einkaufszentren, auch in der Innenstadt von Funchal sieht man immer häufiger mit Papier verklebte Schaufenster. Gerade die hübschen alten Traditionsgeschäfte halten dem Konkurrenzdruck der neuen Shopping-Tempel nicht stand.

Der Reiseführer bedarf einer weiteren Aktualisierung, in dem Madeiras Entwicklung aufgezeigt wird, auch die Aspekte, die den Touristen vielleicht weniger Freude machen. Dennoch meinen wir: sehr empfehlenswert!

MADEIRA Irene Börjes Michael Müller Verlag 264 Seiten 4. Auflage 2009 EUR 15,90

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