Altstadtgasse
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Funchal, Marina
Funchal Marina

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Sommerlicher Lärm stört Touristen

4. November 2018

(…und Einheimische?)

sts - Der November hat begonnen, es sind weniger Touristen auf Madeira. Kein Problem, in den Strandbars und Restaurants einen schönen Platz zu bekommen. Stille auf dem Land und in den Dörfern. Verschlafene Nester, so möchte man meinen. Selbst in der Hauptstadt und selbst mit zwei großen Kreuzfahrtschiffen am Kai erscheint alles ruhiger und langsamer als im Hochsommer.

Was in den vergangenen Jahren begann, hat sich im Sommer 2018 fortgesetzt: Jedes Dorf, jede Gemeinde, jede Siedlung feiert ihr Fest mit immer größerem Getöse. Nicht nur die lokalen Blaskapellen, Chöre und Folkloregruppen spielen auf, nicht nur die Rocker aus Garagen und Lagerräumen stellen ihre Lautsprecher auf – große Konzerte gehören auf das Veranstaltungsprogramm und vor allem: Disco-Nights bis zum Morgengrauen.
Gleichzeitig formiert sich nach und nach ein lokaler Bürgerprotest. Die Bürgerinnen und Bürger im Viertel Santa Maria, der pittoresken Altstadt von Funchal mit ihren unzähligen Restaurants und Bars, wollen Begrenzungen der Lautstärke durchsetzen, die das portugiesische Recht eigentlich längst vorsieht. „Nach Mitternacht muss Ruhe sein,“ schimpft Maria João, deren kleine Wohnung schräg oberhalb einer gut besuchten Kneipe liegt. „Ich stehe morgens um sieben auf, um zur Arbeit zu gehen – ich muss auch mal schlafen!“.
In Ponta do Sol haben sich Bürgerinnen und Bürger ans Rathaus gewandt. Die Bürgermeisterin warb um Verständnis: „Im Sommer wird halt gefeiert, und das macht Lärm. Wir können doch die Bars nicht schliessen, damit Sie schlafen können.“ Tatsächlich war aber das Lärm-Programm im historischen Kern in 2018 "dünner" als im Vorjahr – das hat auch finanzielle Gründe. Nichtsdestotrotz wandte sich ein Hotelier aus dem Städtchen mit einer ganzseitigen Anzeige in der Tageszeitung an die Stadtverwaltung. „Ponta do Sol lebt vom Tourismus. Wir sollten die Touristen nicht vergraulen.“ Während der beiden Disco-Nächte im September mußten drei Hotels „evakuiert“ werden.
In Funchal gibt es eine stattliche Anzahl von Touristen, die genug von den nächtlichen Musikveranstaltungen haben. Besitzer von Anteilsrechten in der Residence Porto Mare notierten die schlechtest-denkbaren Bewertungen bei Internetportalen, jahrzehntelange Madeira-Gäste drohten, der Insel den Rücken zu kehren. Briefe an die Verantwortlichen – vom Rathaus der Stadt Funchal bis zum Lizengeber für Veranstaltungen im Lido, der Firma Frente Mar – blieben jedoch unbeantwortet. Selbst der Vorstandsvorsitzende der Porto Bay Gruppe zeigte sich nicht interessiert. „Ob Herr Albuquerque interessiert ist?“ fragt Hans-Joachim Ruckes, Initiator der Protest-Aktion. „Da habe ich ganz große Zweifel. Für den bin ich nur eine Null.“

Tatäschlich scheint die Stimme der Touristinnen und Touristen auf Madeira in puncto nächtlicher Lärm nicht gehört zu werden. Dabei reicht ein einfacher Besuch einer x-beliebigen „Disco-Night“ früh um zwei, um zu verstehen, dass hier weder die klassischen noch die modernen Madeira-Touristen mitfeiern. Die Generation 50+ hört andere Musik, die Generation 30+ aus Mitteleuropa kommt zum Sport: zum Wandern, Kraxeln, Canyoning und Rafting. Sie stehen morgens um acht gestiefelt und gespornt vor dem Hoteleingang und wollen in die Berge. Für all diese Gäste der Insel ist ab Mitternacht schlichtweg „Schlafenszeit“.
Sicherlich findet sich auch unter diesen ausländischen Gästen eine breite Mehrheit, die Feiern und Tanzen unter freiem Himmel akzeptiert, die der einheimischen Bevölkerung keine Vorschriften machen will. Doch bleibt zu fragen, ob dieses Feiern und Tanzen tatsächlich an jedem Wochenende bis in die Morgenstunden als „Tradition Madeiras“ verstanden werden kann. Wie man den gesamten Sommer über lesen und hören konnte, sind keineswegs alle Bürgerinnen und Bürger Madeiras mit dem Lärm einverstanden. Nicht nur in der Altstadt, auch in den Villen an der Rua da Casa Branca war manche Nacht an Schlaf nicht zu denken. Ursache hier: die nächtlichen An-Deck-Feiern der Kreuzfahrtschiffe – und die Großkonzerte im Parque Santa Catarina.

"Alle Verantwortlichen der Verwaltung in Funchal müssen endlich begreifen, dass sie durch ihr Handeln eine noch sehr gut funktionierende Infrastruktur ruinieren", mahnt Ruckes in seinem Brief. Der nächtliche Lärm im Lido und Clube Naval von Juni bis September ist für ihn nicht hinnehmbar.
Auch in Portugal gilt ein Lärmschutzgesetz. Dessen Einhaltung zu beachten, wäre ein erster Schritt.

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