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Venezolaner kehren zurück

11. September 2018

Einwanderungswelle auf Madeira

sts - Zehntausend Menschen aus Venezuela sind es sicher, die inzwischen auf Madeira angekommen sind. Das macht knapp vier Prozent der Inselbevölkerung aus. Die Zahl löst kein Erschrecken aus, doch jetzt im Sommer fühlen viele einheimische Madeirenser ein Befremden. Venzolaner in allen Bars, in jeder lauschigen Sommernacht. „Das kommt mir Spanisch vor“, sagen die Touristen, und sie haben Recht: die Neubürger sprechen mehr Spanisch als Portugiesisch.

Uta aus Stuttgart findet das gut. Ein bisschen Spanisch auf der Volkshochschule hat sie gelernt und kommt jetzt damit durch. Portugiesisch erscheint ihr wie ein Buch mit sieben Siegeln. Das finden auch die Einwanderer: „Für mich ist das wahnsinnig schwer“, erzählt José, während er die Brötchen einpackt. Der junge Venezolaner ist Enkel eines Madeirensers. „Die Sprachen scheinen verwandt zu sein, aber wenn man ins Detail einsteigt, dann merkt man: dieses Wort versteht hier keiner. Und erst die Aussprache!“ Wer keine guten Portugiesisch-Kenntnisse hat, muss das dringend verändern, denn die Einwanderer werden auch von den Unternehmern argwöhnisch beäugt. „In meiner Küche arbeiten schon zwei Frauen aus Venezuela,“ sagt ein Hotelbesitzer, „insgesamt habe ich nur fünfzehn Köpfe an Personal – mehr Ausländer werde ich nicht einstellen!“ Fragt man genauer nach, so gewinnt man plötzlich den Eindruck, das Gespräch könnte auch in einem Hotel an der deutschen Nordsee stattfinden: „Zu viele Ausländer im Team, das ist nicht gut. Die fangen dann an, in der Küche in ihrer eigenen Sprache zu reden. Da habe ich keine Kontrolle mehr.“ An der Nordsee wäre es die arabische Sprache, vor der man sich fürchtet - aber die Angst vor dem Fremden ist hier wie dort dieselbe. Auch auf Madeira fürchten die Einheimischen, die „Ausländer“, die „Immigranten“ könnten ihnen Arbeitsplätze und soziale Zuschüsse „wegnehmen“.
Die Venezolaner fliehen nach Madeira, weil sie es in dem einst so reichen lateinamerikanischen Land nicht mehr aushalten. Die Inflation ist himmelschreiend, kaum noch etwas ist zu kaufen, Menschen sterben an vergleichsweise banalen Erkrankungen, weil weder Ärzte noch Medikamente aufzutreiben sind. Abends darf man das Haus nicht verlassen und muss ständig auf der Hut sein, wenn man unterwegs ist. Da ist es auf der kleinen portugiesischen Insel im Atlantik ruhiger und sicherer. Wer seine portugiesischen Wurzeln nachweisen kann, bekommt mitsamt seiner Familien schnell einen portugiesischen Pass – und ist damit plötzlich EU-Bürger. „Darum geht es den meisten,“ findet der Brötchenverkäufer aus Caracas, „die meisten betrachten Madeira nur als Zwischenstation und wollen bald aufs Festland wechseln.“ Es ist ein bisschen so wie in Deutschland nach der Auflösung der Sowjet-Union Ende der 80er Jahre. Da kamen zu Hauf „Spätaussiedler“ und erhielten außer dem Pass noch vielerlei staatliche Hilfen. Die Einheimischen auf Madeira protestieren nicht laut, sie grummeln vor sich hin, fühlen sich – wie stets – übervorteilt.

Ihr alltägliches Leben verändert sich unter dem Einfluss der stetig wachsenden neuen Bevölkerungsgruppe. José verkauft in der Bäckerei, die ihn angestellt hat, nun auch Gebäck nach venezolanischem Rezept. Auf den Straßen, in den Bars wird es lauter, denn die Eingewanderten sprechen und lachen grundsätzlich lauter als die Einheimischen. In einigen Jahren wird man sich an Josés spanischen Akzent gewöhnt haben. Die Madeirenser verstehen die Immigranten gut, auch wenn sie manchmal etwas anderes behaupten. Auch die Offenheit und Lebensfreude der „Neuen“ wird durchaus geschätzt. Möglicherweise liegt eine langsame, aber stetige Integration derjenigen, die nicht auf dem Festland Karriere machen wollen, in gar nicht so weiter Ferne.

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