Erdogan tobt

7. Juni 2016

Oder: Die Unfähigkeit zu trauern

latour dos santos - Alexander und Margarete Mitscherlich gingen 1967 mit ihren Landsleuten hart ins Gericht. Die Psychoanalytiker warfen der Mehrheit der Deutschen vor, daß sie sich über die Verbrechen der Nazi-Zeit wie über eine „Infektionskrankheit in Kinderjahren“ hinweg setzten. Wie damals viele Deutsche spielen aktuell türkische Nationalisten den Völkermord in ihrer Vergangenheit herunter. Was vor 100 Jahren passiert ist, darüber soll geschwiegen werden.

Den Deutschen ist es nach dem Krieg schwer gefallen, die eigenen Verfehlungen zu benennen. In der DDR wurde brachial umerzogen, so dass „rot verschrammt der braune Hintern“ war, wie Biermann sang. Diejenigen Nazis dort, die bereit waren, das kommunistischen Geschichtsbild zu übernehmen, stiegen zügig in der sozialistischen Gesellschaft auf. In Westdeutschland wurde die Vergangenheit zögerlich behandelt, bis die Kulturrevolution der 60er Jahre los schlug. Von der Ohrfeige, die Kiesinger erhielt, bis zum Rücktritt Filbingers war es ein harter Weg. Heute bekennt die Nation mehrheitlich die Schuld. Seit Brands Kniefall in Warschau ist es möglich geworden zu trauern.

Erdogan und seine Raser sind davon weit entfernt. Doch nicht nur die türkische Nation tut sich schwer, die Verfehlungen der Vergangenheit einzugestehen. Die Portugiesen weinen den in die Sklaverei verschleppten Schwarzafrikanern bis heute keine Träne nach. Die blutigen Feldzüge der Nation in Afrika, Asien und Südamerika werden als heroische Epoche Portugals gewertet. Bei der Zentralveranstaltung zum 500jährigen Bestehen der Diözese Funchals pries vor wenigen Jahren der damalige Präsident der Regionalregierung Madeiras in Anwesenheit des Bischofs den Mut „der Männer, die in der Vergangenheit Portugal in der Welt verteidigt (!) haben“. Und auf einem der unzähligen Ehrenfeste für die Veteranen der Kolonialkriege forderte der Repräsentant der Republik unlängst noch mehr Gedenkveranstaltungen. Beklagt werden dabei immer die Verluste in den eigenen Reihen. Den Opfern auf der anderen Seite widmet man keinen Gedanken.

Nationalgefühl lebt vom Glanz. Wer ihn beschädigt, gilt voreilig als Feind der Nation.

Leserbriefe

Keine Leserbriefe vorhanden

Leserbrief schreiben

Mit Sternchen (*) gekennzeichnete Formularfelder müssen ausgefüllt werden.