Madeira: Wandern im hohen Alter

9. Mai 2016

Ein Gastkommentar von Julius Kohlhase

juli - Am 30. April stürzte ein 86jähriger Franzose bei einer Levada-Wanderung ab Er gehörte zu einer geführten Wandergruppe und wollte während einer Pause fotografieren. Der Tourist näherte sich einem Abhang, verlor plötzlich das Gleichgewicht und fiel 80 Meter tief. Als die Rettungskräfte ihn erreichten, war der Mann bereits tot.

Als ich das Licht der Welt erblickte, war meine Großmutter 50 Jahre alt. Von da an spielte sie die Rolle der alten Frau. Ohrensausen, Gebrechlichkeit, Rheuma – sie wurde geplagt von den Krankheiten des Alters. Wir wohnten damals im Ruhrgebiet. Und wenn wir einmal eine Art Weltreise machten, dann gelangten wir in unserem Volkswagen allesamt und wohlbehalten im Allgäu an. Meine Oma nahm während der Fernreise Schmerztabletten, um die Strapazen überstehen zu können.
Zugegeben, damals Ende 50er lag die Lebenserwartung weit niedriger als heute und es ist unredlich, einen 70- oder 80jährigen von damals mit einem Gleichaltrigen von heute zu vergleichen. Doch müssen sich die jung gebliebenen „Silver Ager“ aufführen wie junge Götter?
Der verunglückte Franzose ist bereits das 16. Absturzopfer auf Madeiras Levadas seit 2008. Und es sind fast immer Menschen über 70, die zu Tode kommen. Trittsicherheit, Risikoabschätzung, Sicht und Gehör sind in höherem Lebensalter nicht mehr so zuverlässig wie fünfzig Jahre vohrer. Meine Großmutter wäre wohl niemals nach Madeira gefahren – ein Flugzeug hätte sie nie bestiegen, und LTU und Tuifly waren noch nicht erfunden. Die moderne Wanderreise, im Internet zu Hause gebucht, ist für heutige Senioren so attraktiv wie der Familienurlaub im Allgäu seinerzeit. Aber muß die Levada-Wanderung an schwindelerregenden Abgründen, die Gebirgswanderung auf knapp 2000 Höhenmeter oder die Trekking-Tour durch Madeiras Berge wirklich auf dem Urlaubsprogramm der Senioren stehen? Ich meine: Nein. Auch wenn ich mir den Ärger von tausenden potentiellen Madeira-Urlaubern und obendrein den der Tourismus-Behörde Madeiras zuziehe: Eigene Grenzen zu erkennen und einzuhalten ist ganz offensichtlich eine Aufgabe des Älterwerdens, die schon mit 50 beginnt und mit 80 noch nicht abgeschlossen ist. Das weiss jeder aktive Sportler im Rentenalter. Gruppendruck hilft bei dieser Aufgabe ebenso wenig wie selbst gesteckte ehrgeizige Ziele. Dabei gibt es gerade auf Madeira leichte Wanderungen ohne große Tücken durch Wälder, Felder und die Berglandschaften. Ein Blick in die einschlägigen Wanderführer genügt. Die realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten – und zwar der jeweils aktuellen – muss dazu kommen, damit der „Silver Ager“ Madeira heil wieder verlassen kann.

Julius Kohlhase, 64, lebt seit vielen Jahren auf der Insel

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