Kuss
So ist es richtig....

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Ein Küsschen in Ehren

4. Oktober 2015

Der große Unterschied und die kleinen Folgen

eins- Es ist der Traum des verheirateten Mannes, der für einen Moment wahr wird Da kommt die bezaubernde Reiseführerin zum Abendessen ins Hotel.Ihre hohen Absätze knallen rhythmisch über die Fliesen der Halle, schwarze Locken wehen um den braunen Hals, und ihr Dekolleté sitzt atemberaubend knapp. Dann geht sie auf ihn zu - weiße Zähne, dunkler Teint, leuchtende Augen – sie hält ihm ihre Wange hin, ein Kuss auf die rechte, und beim Kuss auf die linke Seite spürt er ihre sanften Lippen. Auch sie hatte ihn geküsst. Die Wonne dieses Augenblicks wird seinen gesamten Abend beglücken. Ein seliger Blick auf die Gattin – danach. Sie lächelt gnädig, da sie weiß: im Süden gehört das dazu, da macht man es so. In Gedanken malt sich der Verheiratete mehr aus. Er träumt davon, wie es wäre, der Reiseführerin mal außerhalb der Gruppe und allein zu begegnen. Dieser Traum – so schön er ist – beruht auf einem kulturellen Missverständnis.

„Das Gesicht ist in romanischen Ländern ein öffentlicher Ort. Der Kuss auf die Wangen ist konventionell, bestenfalls eine freundliche Geste. Zärtliche Gefühle gehören nicht dazu.“ Jana Bergmann lebt seit fünf Jahren im französische Baskenland. Ihr ist die französische und – jenseits der Grenze – die spanische Etikette vertraut. Die Diplom-Psychologin präzisiert ihre Aussage. „Die Franzosen gehen in der Öffentlichkeit völlig körperlos miteinander um. Wenn man im Kaufhaus oder auf der Straße mit jemandem zusammenstößt, erfolgt sofort eine Entschuldigung. Küssen ja, aber dabei dürfen sich die Körper nicht berühren. Körperliche Berührungen finden eigentlich nur unter Partnern statt, das ist ein Zeichen von Intimität.“ Wenn der französische Autor Albert Camus sagt: „Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich“, spricht er den öffentlichen Status des Gesichts an. Die Proklamation des In-Form-Haltens der äußeren Erscheinungsfläche trotz innerer Zerrissenheit ist nicht ausschließlich existentialistisch zu deuten. Sie ist durch und durch romanisch. Der Kuss des Gesichts bei Begegnungen bleibt der Öffentlichkeit verhaftet. Er ist keineswegs der Beginn eines Techtelmechtels.

Demgegenüber formuliert in germanischen Ländern ein Kuss auf die Wangen eine entgegengesetzte Botschaft. Er signalisiert Vertrautheit, Enge des Verhältnisses, gar unbegrenzte Nähe. Unter richtig guten Freunden drückt man sich aber eher in germanischen Ländern, als dass man einander küsst. Mit der Kulturrevolution der 60er Jahre entstand eine Tendenz zur körperlichen Entgrenzung. Hippies und später die Protagonisten der Studentenrevolte legten alle bürgerliche Spießigkeit ab und kreierten eine Kultur der körperlichen Berührung, die auch den Blick auf die Körpersprache von Menschen schärfte.

Fazit: In germanischen Ländern berührt man sich relativ schnell und leicht. Das ist hier ein Zeichen von Sympathie.Daraus kann sich mehr entwickeln, muss aber nicht zwangsläufig. Der Kuss ist ein Ausdruck höchster Vertrautheit und persönlicher Nähe. In romanischen Ländern ist der Kuss eine freundliche Begrüßung oder Verabschiedung, mehr nicht. Der Urlauber aus Germanien sollte beim nächsten Zusammentreffen mit der angebeteten Reiseführerin es tunlichst unterlassen, zum Begrüßungskuss seinen Arm um ihre Taille zu legen. Er hätte damit in Frankreich, Spanien, Portugal oder Italien einen Fauxpas begangen. Denn der Status des Gesichts dort lässt Keinem freie Hand.

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