Jornal Da Madeira

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Wir sind erlöst!

20. September 2015

Katholisches Hetzblatt versinkt in die Bedeutungslosigkeit

schnei-Das Jornal Da Madeira – Organ der Diözese Funchal - lag inselweit aus: in Cafés und Kneipen, in allen öffentlichen Einrichtungen, im Baustoffhandel, bei Rechtsanwälten und Notaren, Ärzten und in sämtlichen katholischen Kirchen. Seit Monatsbeginn ist es verschwunden. Keine irreführenden Überschriften mehr zu finden, keine Gift sprühenden Kommentare zu lesen, keine Fotos von salbungsvollen Auftritten des Bischofs. Das Jornal Da Madeira ist aus der Öffentlichkeit verbannt, weil der Gratisvertrieb eingestellt wurde. Das Blatt erscheint in veränderter Aufmachung unter dem neuen Namen JM, seit dem 1. September für 70 Cent. Aber keiner will es mehr haben. Ein Tod auf Raten, der Niedergang eines Pseudo-Journalismus, der vom Himmel herunter log, was ihm gewaltige Männer aufgaben.

Die große Stunde des Jornal Da Madeira schlug nach der Nelkenrevolution. 1974 putschten linke Offiziere in Lissabon gegen die Militärdiktatur. Es wurde eine Allparteienregierung für Portugal eingesetzt, unter Beteiligung der Sozialisten und der sowjethörigen Kommunistischen Partei. Die Katholische Kirche sah rot. Funchals Bischof Santana – enger Verbündeter des Ancien Régime – berief Alberto João Jardim zum Chefredakteur des konterrevolutionären Blatts der Diözese. Jardims Vorbilder waren Franz Josef Strauss, später Margret Thatcher. Zum Schluss sollte es noch weiter nach rechts rutschen. Kämpferisch in diesem Sinn war das Jornal Da Madeira ausgelegt. Es polterte, wo es um Informationen hätte gehen müssen, Meinungsmache und Aufwiegelung gegen die neue sozialistische Tendenz waren die Anliegen des Blattes. 1978 übernahm Jardim das Amt des Regierungspräsidenten von Madeira und schied aus der Chefredaktion aus. Das Jornal Da Madeira blieb dem erzkatholischen Politiker verbunden. Als in den späten 80er Jahren ein gravierender technischer Defekt in der Druckerei, dessen Behebung die Kirche nicht finanzieren konnte, das Aus der Zeitung markierte, kaufte sich Jardim mit seiner Regierung ein. Und zwar „totalitär“, in publizistischer wie finanzieller Hinsicht. Ein Restanteil von 0,6 Prozent verblieb bei der Katholischen Kirche. Fortan steuerte und benutzte der Regierungschef das Organ zur Glorifizierung der eigenen Person. Wer ihn kritisierte, wurde publizistisch nieder gemacht. Die aggressiven, oft beleidigenden Statements des Regierungschefs wurden Seiten lang abgedruckt. Fast jeder Seite zeigte ein Foto des Potentaten. Positionen der politischen Opposition wurden knapp umrissen, der Form halber. Denn der Regierungschef präsentierte sich im geeinten Europa als Demokrat.
Jardim vermengte zunehmend Regierung und Partei zu ein und der selben Bastion. Außerhalb dieser existierten nur „Feinde Madeiras“. Abweichler innerhalb der Partei kamen im Jornal Da Madeira von einem auf den anderen Tag nicht mehr vor und wurden ohne Namensnennung als Freimaurer, Protestanten und Atheisten denunziert. Freimaurertum war unter der Militärdiktatur verboten gewesen. Man konnte der Tendenz des Jornal Da Madeira entnehmen, dass die konservativ-katholischen Kräfte der alten Zeit in diesem Sinn nachtrauerten.
Portugals Premier Socrates verabschiedete 2007 ein Gesetz, das verhindern wollte, dass Regierungen - außer regierungsamtlicher Blätter - eigene auf dem Zeitungsmarkt platzierte Produkte unterhielten. Er hatte dabei die Kampfpostille aus Madeira im Auge. Staatspräsident Cavaco brachte mit einem Veto das Gesetz zu Fall. Eine funktionale Gewaltenteilung war ihm weniger wichtig als die Besitzstandswahrung der Heiligen Kuh von Portugal. Obwohl die Katholische Kirche mit ihrer Mini-Beteiligung eigentlich nur Huckepack, vielleicht bloß im Schwitzkasten des übermächtigen katholischen Regierungspräsidenten mitmachte, blieb das Jornal Da Madeira weiterhin Organ der Diözese mit täglich vielen Seiten Berichterstattung.
10 Millionen Euro Steuergelder pumpte Madeiras Regierung pro Jahr in das Propaganda-Medium. Der konservative Reformer Albuquerque, der Anfang 2015 die Nachfolge Jardims antrat, hatte angekündigt, das Jornal Da Madeira privatisieren zu wollen. Aber wer kauft ein marodes Blatt, das obendrein 40 Millionen Euro Schulden hinter sich her zieht? Um es für den Verkauf attraktiver zu gestalten, machte der neue Regierungschef weitere vier Millionen Euro Steuergelder locker. Das plumpe alte Hetzblatt hat ein smartes neues Konzept erhalten. Ein scheinbar aus dem Nichts geborenes JM beherzigt auf einmal journalistische Grundsätze, wie zum Beispiel eine kritische Perspektive auf alle Richtungen und die Trennung von Bericht und Kommentar. Das Jornal Da Madeira ist tot. Aber vor Verkauf des neuen Produkts sind noch die Altlasten zu tilgen. Wer kommt für die 40 Millionen Euro Schulden auf, die dem runderneuerten Blatt aus der Vergangenheit anhaften? Der Bischof hat erklären lassen, dass ein Schuldendienst in jeder Hinsicht das Budget der Kirche übersteigen würde. Außerdem kündigte das Bistum von Funchal offiziell seinen Ausstieg aus dem JM an. Fehlt der Kirche etwa der alte Biß?.Oder beurteilt sie nur nüchtern die Marktchance des neuen Mediums? Noch bevor es sinkt, verlassen die Ratten das sinkende Schiff.

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