Levada fliesst
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Wasser marsch!

7. Januar 2015

Bei diesem Befehl des Levadeiros zieht der Bauer die Gummistiefel an

eins - Madeiras Wasserkanäle heißen Levadas. Sie dienen der Bewässerung der Bananen- und Zuckerrohrplantagen, aber auch privat genutzter Äcker mit Zwiebel-, Tomaten-, Kartoffel- und Bohnenbepflanzung. Auch die Blumenindustrie hängt am Verteiler. Hierbei werden meist Treibhäuser bewässert.

Im Norden Madeiras und im Hochgebirge regnet es häufig. Das Regenwasser tritt als Quelle zu Tage. In der Regel entsteht daraus ein Bach oder ein kleiner Fluss mit staunenswerten Wasserfällen auf dem Weg. Weiter unten, vor allem auf der Südseite der Insel ist es sehr trocken. Hier können die Bauern das Wasser gut gebrauchen. Die Levadas dienen der Umverteilung und prägen das Image Madeiras als grüne und bunte Blumeninsel.

Die Levadas speisen sich aus den zahlreichen Wasserläufen. Sie sind effiziente Abzweigungen, die oft mit Hilfe von Tunneln oder Rohren an Steilhängen und auch unterirdisch auf die Südseite Madeiras geleitet werden. Das abgezweigte Wasser kommt bei den Stationen der Levadeiros an Oft sind das riesige Wassertanks, die der Mann, der für eine bestimmte Region zuständig ist, voll laufen lässt. Der Mann heißt Levadeiro, weil er für die Levadas im weitesten Sinn zuständig ist. Er muss die Wasserkanäle vor Verstopfung bewahren und den Wildwuchs an den Gehwegen längs der Wasserkanäle im Zaum halten (denn das ist schließlich sein Arbeitsweg, erst in zweiter Linie sind die Levada-Wege Wanderstrecken für Touristen). Vor allem aber muss der Levadeiro die verschiedenen Zonen seiner Region in regenschwachen Zeiten (meist von Mai bis Oktober) mit Wasser beliefern. Dazu erstellt er einen Bewässerungsplan für die bezugsberechtigten Landwirte. Wenn also die Zone 1 seiner Region am ersten Tag der Woche mit Wasser beliefert werden soll, schaut sich der Levadeiro die Bezugsrechte der Abnehmer in dieser Zone an. Die Bezugsrechte werden nach Minuten definiert. Der geringste Wert liegt bei 30 Minuten, häufig sind es 60 Minuten. Manchmal haben Nachbarn zusammen einen Speicher, der drei oder mehr Stunden lang aufgefüllt wird. Oder ein Großbauer bekommt vier Stunden lang Wasser. Damit ist er privilegiert und muss für die Stunden der Wasserzuteilung Tagelöhner anheuern. Die Bewässerung einer Zone erfolgt meist im 14tägigen Rhythmus. Wenn an dem hier gewählten Montag die Zone 1 an der Reihe ist erscheint der Levadeiro freitags oder samstags zuvor vor Ort. Er teilt den einzelnen Bauern und Bäuerinnen mit, wann sie jeweils „dran“ sind, bittet den Fernando, der Candida Bescheid zu sagen, weil er die Bäuerin nicht zu Hause angetroffen hat. Oder der Levadeiro verkündet.: „Euer Wasser kommt in der nächsten Woche erst am Dienstag. Zuerst ist der Fernando dran, dann kommt die Maria“....und so weiter.

Dem Fernando teilt er dann noch mit, wo er das Wasser um 11 Uhr zum Beispiel „holen“ muss. Holen (buscar) ist das Fachwort für „Weichen umstellen“. Frühmorgens nämlich öffnet der Levadeiro die Schleusen seiner Wasserstation – etwa auf 550 oder 600 Meter über dem Meeresspiegel. Von der Hauptlevada aus leiten Abzweigungen (sekundäre Levadas genannt) das Wasser weiter nach unten. Der Levadeiro hat die Abzweigungen mit Hilfe eiserner Klappen so gestellt, dass die Zone 1 vom Wasser erreicht wird. Das funktioniert wie bei einem Stellwerk für Züge, allerdings immer per Hand. Die belieferte Zone ist jedoch so groß, dass bei den sekundären Levadas im Laufe der Zuteilung noch Richtungsänderungen zu vollziehen sind. Wenn Fernando und seine Nachfolger in der Bezugskette auf einem anderen Bergrücken liegen als die zuvor belieferten Bauern, dann muss Fernando um 11 Uhr an einer ihm beschriebenen Stelle der sekundären Levada die Weiche verstellen. Diese Stelle liegt manchmal einige Kilometer entfernt vom eigenen Acker. Auch wenn Fernando sicherlich schneller läuft als das Wasser fließt, muss er sich von der Weichenstelle zurück zum Acker sputen und darf kein Quätschchen anfangen! Leuten, die ihn aufhalten wollen, ruft er zu „Tenho Agua!“ (ich kriege Wasser) und das rechtfertigt jede Unhöflichkeit. Wenn Fernando im Übereifer, die Weiche schon um zehn vor elf in seine Richtung umstellt, kann das massiven Ärger mit den Vorgängern geben. Manchmal muss die Polizei den Streithähnen die Sicheln aus den Händen reißen.

Wenn Fernando zurück ist vom Wasser „Holen“, dann steht er in Gummistiefeln auf alten Lumpen in seiner persönlichen Wasserrinne, genannt Lanço. Das Levadawasser verläuft in dem von ihm selbst oder von seinen Großeltern gebauten Weg am Acker entlang. Die Lumpen, auf denen der Bauer steht, verstopfen die Rinne und leiten die Wassermassen rechts und links in die Furchen ab, die mit Zwiebeln, Tomaten oder Kohl bepflanzt sind. So werden nach und nach alle Furchen geflutet.
Einige Bauern gehen den Weg der Modernisierung. Sie leiten das Levadawasser in Schläuche, die am Anfang mit Filtern ausgerüstet sind und am Ende einen Sprühmechanismus besitzen, der feine Wasserstrahlen nach allen Seiten aussendet.

Levada-Wasser ist begehrt. Dem Amt für die Wasser-Vergabe liegen zehntausend Neuanträge vor, die nur zu einem Bruchteil bewilligt werden können. Für Madeira ist von Klimaforschern eine Abnahme der Niederschlagsmenge vorhergesagt.
Besonders den alten Bäuerinnen und Bauern gilt das Levada-Wasser als das „Gold Madeiras“. In den Zeiten tiefster Armut (zwischen den 30er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts) gab es Räuber auf den Straßen und Wegen der Insel. Sie überfielen Passanten und raubten sie aus. Doch ein unbeschriebenes Gesetz, an das sich alle Wegelagerer hielten, sicherte einigen Wenigen freies Geleit zu: nie wurden die Hebamme, der Pfarrer, der Arzt – und niemals der Levadeiro Opfer eines Überfalls.

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