Ein Gitarrenbauer, der kein Instrument beherrscht

22. Dezember 2014

Der unmusikalische Carlos Jorge ist weit über Madeira hinaus bekannt

Luso - Der Meister des Gitarrenbaus, Carlos Jorge, kann weder Gitarre spielen noch Noten lesen. Er ist der einzige auf Madeira, der traditionelle Saiteninstrumente in Handarbeit anfertigt. Seine Werkstücke faszinieren Musiker und Sammler weltweit.

„Ich kann auf der Gitarre nur das Madeira-Tänzchen (bailinho da Madeira) spielen. Und das tue ich bloß, um die Saiten zu stimmen“, gesteht der Meister, und erzählt weiter, dass er sich als Junge immer vor den Musikstunden in der Schule gedrückt hat Er fand sie „einfach schrecklich“.

Lächelnd, sich den Bart streichelnd, und mit vielen Gesten fährt Carlos Jorge fort: „Damals hieß der Musikunterricht Chorgesang und wurde von einem Geistlichen abgehalten. Der einzige Kontakt, den ich mit einem Instrument hatte, war als der Lehrer in die Klasse ein Harmonium mitbrachte. Das war so was wie eine kleine Orgel. Wir mussten uns dafür in einer Reihe aufstellen, und jeder durfte einmal auf eine Taste drücken. Das war das einzige Mal, dass ich mal was mit Musik zu tun hatte.“

Carlos Jorge Rodrigues, 58 Jahre alt, hat seine Werkstatt mitten in Funchal. Seit dreißig Jahren widmet er sich in dieser Werkstatt dem Bau von traditionellen Saiteninstrumenten, wie etwa den „madeirensischen Klampfen“, der Spanischen Gitarre oder einer Gitarre mit Metallsaiten. Zum Gitarrenbau ist Carlos gelangt wie die Jungfrau zum Kind, sagt er augenzwinkernd. Inmitten des Chaos seiner kleinen Werkstatt, wo Holz, Werkzeug, Maschinen und Klangkörper in den verschiedensten Fertigungsstadien durcheinander fliegen, erzählt der Meister, dass seine Leidenschaft für die Saiteninstrumente durch einen Freund „in den revolutionären 70ern“ begonnen hat. „Wir haben damals einen Raum gefunden, um Schülern vom Musikkonservatorium Madeiras den Bau und die Bedienung von Bambusflöten beizubringen. Dabei kam mir die Idee, traditionelle Saiteninstrumente herzustellen.“ Der Meister behauptet, mit den Holzarten bestens vertraut zu sein, und bekennt sich zu alten und trockenen Hölzern, weil sie dem Instrument Stabilität verleihen, wenn es den Druck der Saiten aushalten muss. „Je älter das verwendete Holz ist, je gehärteter das Harz, desto brillanter ist der Ton des Werkstücks später.“ Voller Hingabe schaut der vermeintlich unmusikalische Meister auf zwei vergammelt aussehende Bretter. „Diese Eichenbretter aus dem 18. Jahrhundert stammen aus einem uralten Engländerhaus. Ich habe sie im Internet gefunden und sofort gekauft.“

Die Werkstatt hat die Anschrift Rua da Carreira, 237 in Funchal.

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