Portugal mit Schwindsucht

29. November 2014

Bis 2060 vermutlich ein Drittel weniger Einwohner im aktiven Arbeitsleben

Ein Kommentar von Pedro Latour dos Santos

lat - Fast ist es wie damals in der DDR. Der Staat bietet keine Perspektive, und darum macht weg, wer kann. Besonders die Jungen hauen ab – zum Arbeiten auf die Kanalinseln, in London, Luxemburg und auch in die Schweiz, sofern das noch möglich ist.

Die aktuellen Zahlen der Nationalen Statistikbehörde stimmen nachdenklich. Von geschätzten 10,5 Millionen Einwohnern zum 31. Dezember 2012 bleiben in 2060 aller Wahrscheinlichkeit nach nur noch 8,6 Millionen Portugiesen zu registrieren. Das ist ein Bevölkerungsrückgang von fast dreißig Prozent. Bei den Jungen betrifft der Schwund in dem selben Zeitraum sogar fast 35 Prozent.

Schon jetzt bestätigen die Fakten diesen Trend. Portugal verzeichnete zwischen 2001 und 2011 bei der Gesamtzahl von jungen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren einen Rückgang von 21,3 Prozent. Der Grund dafür ist bekannt. Viele ziehen vor, mehr Geld im Ausland als daheim zu verdienen. Darüber hinaus macht sich der drastische Einbruch in der Geburtenrate jetzt schon bemerkbar. Dieses Phänomen wird die Tendenz der Zukunft sein. In manchen Orten Madeiras zahlt das Rathaus eine Babyprämie für jedes Neugeborene – jedoch ohne Erfolg: Es stellt sich trotzdem kein Nachwuchs ein.

Jüngst hat Madeiras Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer einen eindringlichen Aufruf an die Öffentlichkeit adressiert, wie in der Tageszeitung Diário de Notícias berichtet wurde. Christina Pedra Costa verwies darauf, daß die Lebensbedingungen junger Familien eigentlich recht kinderfreundlich seien. Tatsächlich gibt es im Land genügend Krippen, Vorschulen und ein ausreichend funktionierendes 12jähriges Schulsystem inklusive guter Beköstigung der Schülerinnen und Schüler.

Die Vorsitzende behauptete in gleichem Atemzug, daß in Madeira ein zufrieden stellendes Gesundheitssystem und sichere Arbeitsperspektiven jungen Menschen die Entscheidung zur Elternschaft leicht machen. Eben das stimmt nicht. Die gesundheitliche Versorgung einfacher Menschen ist katastrophal und der Arbeitsmarkt zeigt auf lange Zeit keinen Silberstreif am Horizont. Darum klingt das Fazit von Christina Pedra Costa, es läge in der Verantwortung „von uns allen (d.h.den Madeirensern), individuell (wie soll das gehen? d. Red.) und kollektiv (das schon eher)“, Kinder in die Welt zu setzen, wie die Einladung zu einer viel versprechenden Reise, von der zwar der Ausgangspunkt, nicht aber das Ziel bekannt ist und deren Kosten jeder Teilnehmer selber tragen muß.

Portugal, das Land mit der großen Geschichte, wird wohl immer kleiner werden. Raum für neue Ideen gibt es durchaus. Aber die allgegenwärtig kontrollierende Staatsmacht entmutigt Kreative und bringt neue Ideen früh zu Fall.
Hier liegt die Crux des Staates Portugal. Zukunft könnte angepackt werden, aber die Hüter eines völlig undynamischen Staatsverständnisses bremsen neue Ideen aus. Sie zu beseitigen, ist nicht die Aufgabe der jungen Menschen, die sich davor scheuen, eine Familie zu gründen. Im Falle Portugals wäre eher denkbar, daß die autoritäre Staatsbürokratie im Zuge der Überalterung des Landes irgendwann ausstirbt. Denjenigen, die übrig bleiben, mag dann vielleicht das Leben offen stehen...

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