Ein Madeira Gewächs mit maritimen Wurzeln

16. Januar 2014

Ehemalige Honorarkonsulin wird neunzig Jahre alt

Viele Residenten auf Madeira kennen Elisabeth Gesche noch aus dem deutschen Konsulat. Wer die ersten Schritte auf der Blumeninsel probierte, kam um einen Besuch bei der freundlichen, preussische Disziplin atmenden Dame nicht umhin. Viele Fragen und Entscheidungen wurden mit ihr im Konsulat diskutiert, immer kam auch eine persönliche Einladung in ihr Privathaus,die Quinta Olavo, hinzu.

Zum Geburtstag von Elisabeth Gesche im Januar erhielt die Madeira-Zeitung den folgenden Artikel von Guido Ziese (Text) und Niels Knolle (Fotos).

Elisabeth Gesche, ehemalige Honorarkonsulin von Madeira, feiert ihren neunzigsten Geburtstag. Sie wurde am 17. Januar 1924 in Funchal geboren. Seitdem gehört die Blumeninsel im Atlantik zu ihrem Leben, wie auch das Amt der Honorarkonsulin von Madeira, das sie dort dreißig Jahre ausübte. 120 Jahre lang, über drei Generationen, stellte ihre Familie die deutschen Konsuln auf Madeira. In dieser Zeit entstand eine außergewöhnliche Beziehung zur Deutschen Marine, die von Elisabeth Gesche in einem kleinen, privaten „Marinemuseum” mit sehr viel Engagement und Liebe gepflegt wird.

„Vor allem eins, mein Kind: Sei treu und wahr! Lass nie die Lüge deinen Mund entweihen! …” Die Zeilen des romantischen Dichters Robert Reinick (1805-1852) zitiert Elisabeth Gesche fehlerlos. Sie denkt zurück, denkt an ihren Vater Emil Gesche, der 1898 als junger Mann nach Madeira kam und dort blieb.
„Obwohl er doch nach Brasilien wollte", erinnert sie sich. „Und als mein Großvater 1909 aus Altersgründen den Dienst quittieren wollte, da hat mein Vater sich als Nachfolger für das Amt des Konsuls beworben.“
Ein Jahr später wurde Emil Gesche durch Kaiser Wilhelm II. zum neuen deutschen Konsul von Madeira bestallt, wie es in der kaiserlichen Urkunde heißt. Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass er das Amt von seinem zukünftigen Schwiegervater übernommen hatte. Der neue Konsul ließ sich indes noch vier Jahre Zeit bis zur Hochzeit mit Dr. Sattlers Tochter Dorothea. Die Trauung fand am 16. Februar 1914 auf „Seiner Majestät Schiff“, der SMS Hertha, im Hafen von Funchal statt. Damit war die Grundlage für eine bemerkenswerte Konsuln-Familien-Dynastie auf Madeira geschaffen. Aus der Ehe gingen drei Mädchen und ein Sohn hervor.
Sechs Monate nach der Hochzeit begann der Erste Weltkrieg. Und als Kaiser Wilhelm II. Portugal im Jahr 1916 den Krieg erklärte, wurde das deutsche Konsulat geschlossen – bis 1920.
Schon Großvater Dr. Sattler unterhielt einen guten Kontakt zur Kaiserlichen Marine, die unter Wilhelm II. zur zweitstärksten Flotte auf den Weltmeeren heranwuchs, argwöhnisch beobachtet von den Briten, die um ihre Dominanz in den Kolonien fürchteten. Der Hafen von Funchal war ein beliebter Zwischenstopp für deutsche Marineschiffe. Und so entwickelte sich im Laufe der Jahre eine enge Beziehung zur deutschen Marine, die von der Konsulin außer Dienst in ihrem privaten Marinemuseum in der „Quinta Olavo“ mit viel Liebe weiter gepflegt wird. Das prächtige Haus hoch über dem Hafen von Funchal hatte der Großvater 1888 erworben.

„Die Quinta Olavo“, schrieb die Konsulin anlässlich des 25jährigen Jubiläums der evangelischen Kirchengemeinde, „war immer eine Stätte der Begegnung. Hier trafen sich über mehr als hundert Jahre deutsche Bürger auf Madeira.“
„Ich habe extra eine Wand heraus nehmen lassen“ sagt Frau Gesche und verweist auf die einmalige Sammlung aus Fotos, Bildern und Exponaten, welche die maritimen Beziehungen der Konsuln-Dynastie zur deutschen Marine dokumentiert: von der Kaiserzeit, über die Kriegsmarine der Wehrmacht, die Bundesmarine, bis hin zur heutigen Deutschen Marine – wie sie offiziell genannt wird seit der Vereinigung. „Hier hinterließen alle vor Madeira ankernden Schiffe der deutschen Marine ihre Widmungen“, betont sie stolz. „Allein die Gorch Fock hat während meiner Dienstzeit achtmal Station auf Funchal gemacht“, erinnert sich die Konsulin. Und auch die alte Gorch Fock, die nun als Museumsschiff in Stralsund ihren letzten Ankerplatz gefunden hat, kam 1939 auf Besuch. „Am 20. April“, ergänzt sie noch. (...das ist der Geburtstag des Mannes, der neben seinen unzähligen Verbrechen dem Ansehen Deutschlands fundamental und nachhaltig geschadet hat. Die Redaktion)

Aber auch für die „neue” Deutsche Marine blieb der Hafen von Funchal weiter ein Ziel, wo man gerne anlegte. Und obwohl Frau Gesche seit fast 17 Jahren nicht mehr im Amt ist, gehört ein Besuch bei ihr und in ihrem Marinezimmer zum Pflichtprogramm ihres Nachfolgers, Honorarkonsul Ricardo Dumont dos Santos. Der Respekt der vielen Gäste für Elisabeth Gesche, die 1984 mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse und bei ihrem Abschied aus dem Amt mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt wurde, ist ihr dabei gewiss.
1939 wurde Elisabeth in der schottischen Kirche auf Madeira konfirmiert. 1942, mit neunzehn Jahren, verließ sie die Insel und wohnte für ein paar Jahre bei ihrer ältesten Schwester Hertha, die heute 98-jährig in Deutschland lebt. Elisabeth lernte den Beruf der Krankenschwes-ter.1951 kehrte sie auf ihre geliebte Insel zurück, die ihr mehr bedeutete als eine Ehe in Deutschland. „Daran ist es immer gescheitert“, stellt sie gelassen fest. Erst 1957 wurde Vater Emil Gesche wieder als Honorar Konsul von Madeira eingesetzt und die Familie erhielt die (beschlagnahmte) „Quinta Olavo“ zurück. Das Haus gehört ebenso zur Familie wie 120 Jahre lang das Amt der konsularischen Vertretung von Deutschland auf Madeira.
Elisabeth Gesche spricht gerne über ihr geliebtes Marine-Museum, das sie unbedingt erhalten möchte. Mit den Palmen, die ihre Großmutter Dorothea Sattler vor 120 Jahren vor dem Haus pflanzte, hat sie es leider nicht geschafft. „Vor zwei Jahren musste ich die Palmen wegen eines Schädlingsbefalls fällen lassen. Es war wie bei einem Erdbeben, als sie auf den Boden krachten“, sagt sie traurig.
Die Frage, ob sie die Hundert noch feiern möchte, beantwortet sie diplomatisch: „Wissen Sie, alles hat was Gutes und wie alt ich werde, da mache ich mir keine Sorgen. Mein Vater war auch so.“ Als ihr Vater 1966 starb, wurde sie von den Deutschen gebeten, sich für das Amt zu bewerben. „Ich wollte erst nicht“, betont sie. Aber dann habe sie sich doch zur Verfügung gestellt! Sie war die einzige Frau in einer von Männern dominierten Konsuln-Riege.

Seit einiger Zeit schreibt die Ex-Konsulin an einer Chronik. Als Grundlage dienen zwölf Bände Gästebücher, die sich im Laufe der Jahre auf Madeira angesammelt haben und die sie sorgfältig behütet: Mit 20.000 Unterschriften ein Teil ihrer Geschichte, ihrer Familie und ihres Lebens hier! Und so gehört Elisabeth Gesche zu Madeira wie die Blumen, wie das Meer und wie die Deutsche Marine, der sie ein Museum gewidmet hat …

Leserbriefe

Keine Leserbriefe vorhanden

Leserbrief schreiben

Mit Sternchen (*) gekennzeichnete Formularfelder müssen ausgefüllt werden.