Priester in Nöten

14. Mai 2013

Aufregung in zwei Kirchengemeinden im Norden

martin - Eins der umstrittensten Meisterwerke des Cineasten Fassbinder ist „Querelle“. Der Film zeigt Gewalt und Verrat in homoerotischer Beziehung, eingebettet in das schmutzige Milieu einer französischen Hafenstadt. Homosexuelle Beziehungen sind der Öffentlichkeit heute vertraut. Allgemeine Erfahrung ist, dass homosexuelle Partner in der Regel aufmerksam und respektvoll miteinander umgehen. Wurde in der Vergangenheit dagegen Homosexualität ins Verborgene, Sündhafte abgedrängt, hat sie vielfach bizarre Züge entwickelt, wie sie der Autor Jean Genet in der Romanvorlage für Fassbinders Verfilmung drastisch entwickelte. Madeira erlebt derzeit einen Prozess, der eben solch „Bizarres“ zu beurteilen hat. Auch hier geht es um homoerotische Leidenschaft und den Verrat daran. Diesmal unter den schändlichen Bedingungen erzwungener Keuschheit, wie sie die katholische Kirche ihren Priestern zumutet. Und unter grosser Anteilnahme in der Bevölkerung und seitens der lokalen Presse.

Pfarrer Humberto, Priester in Madeiras Nordgemeinden São Vicente und Ponta Delgada, machte im Jahr 2005 Ferien auf Kuba. Während seines Aufenthalts lernt er einen 19jähirgen Einheimischen kennen. Es kommt zwischen den beiden zu intimen Kontakten, die ein Jahr später erneut aufleben, als der Pfarrer sich zu einer medizinischen Behandlung nach Havanna begibt. Die Liebesbeziehung geht weiter mit einem Besuch des Kubaners auf Madeira. Der Pfarrer besorgt ihm eine Wohnung in seiner Gemeinde. Pfarrer Humberto verschafft seinem Freund sogar Arbeit in einer Tanzschule, denn der junge Kubaner ist Tanzlehrer von Beruf. Als ihm der Geliebte das Schicksal seiner kranken Mutter in der fernen Heimat eröffnet, erhält er von Humberto fünfzehntausend Euro zum Kauf eines Häuschens für die „Mamma“. Die Liebesbeziehung ging im Winter 2006/07 auf Betreiben des Priesters zu Ende, der sich von da an ganz seiner priesterlichen Aufgabe widmen wollte. Einige Zeit später fing der junge Kubaner an, den Ex-Freund unter Druck zu setzen. Er verlangte per Telefon und E-Mail Geld für sein Schweigen über die verbotene Beziehung. Von kompromittierenden Fotos war die Rede, die an Kirchenobere und Gemeindemitglieder gelangen sollten, falls die geforderten Summen nicht fließen. Der Priester zahlte. Doch die Geldforderungen verebbten nicht, sie wurden immer drastischer. Der Priester zahlte zwölf Hin- und Rückflüge zwischen Madeira und Kuba, Telefonkarten und Handys, den Führerschein des Kubaners. Zwischen Februar 2011 und September 2012 flossen so 45.000 Euro in die Tasche des Erpressers. Damit war der Priester finanziell am Ende. Als weitere Forderungen auftauchten, zeigte er seinen Ex-Geliebten bei der Polizei an.
Damit war die Beziehung zwischen Priester Humberto und dem kubanischen Tanzlehrer öffentlich.

Die Gemeinde des Pfarrers reagiert bestürzt und überrascht. Die Reaktionen reichen von „Das hätte ich nie gedacht!“ bis „So lange die Priester nicht heiraten dürfen, soll man sich nicht wundern.“ Der Bürgermeister von São Vicente hält zu seinem Freund, dem Pfarrer, und reklamiert für sich den Gemütszustand, den viele Gemeindemitglieder in der Schock-Situation ebenfalls sprachlich zum Ausdruck bringen: „Wir sind traurig“ Zufrieden zeigen sich allerdings diejenigen Gemeindemitglieder, die befürchtet hatten, die Erpressungszahlungen seien aus der Gemeindekasse geleistet worden. Der Erpresser wurde aus anderen Quellen bedient. Der Bischof von Madeira hüllt sich derzeit in Schweigen. Das ist in diesem Fall gut für den Betroffenen. Denn redete der Bischof müsste er kirchenrechtlich reden. Das bedeutete die Suspension von allen Kirchenämtern. In einer öffentlichen Erklärung haben – sicherlich nicht zufällig einen Tag nach der aktuellen Sitzung des Bistumsrates – zehn Priester aus Funchal das „ungebührliche Verhalten“ ihres Amtsbruders verurteilt.
Am vergangenen Sonntag stand Pfarrer Humberto nicht mehr vor seiner Gemeinde in der Kirche.

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