Wut auf die Politik

8. März 2013

Die Portugiesen singen

sheila - Man könnte auch Steine werfen. Oder Tomaten wenigstens. Man könnte Autos in Brand stecken, Schaufenster einschlagen, randalieren und plündern. Um seine Wut zu zeigen und seine Unzufriedenheit mit der Sparpolitik in Portugal, mit der Misswirtschaft auf Madeira, mit der Politik insgesamt.
Die Portugiesen singen.

Grândola, vila morena. Die Hymne auf die „braungebrannte Stadt“ im Alentejo war vor 39 Jahren der Auftakt für die Nelkenrevolution. Die Revolutionäre begannen darauf hin mit ihrem Aufstand gegen die Diktatur. Grândola, vila morena, diese Hymne hat jede Portugiesin und jeder Portugiese in der Schule gelernt. Heute stimmen sie sie an, sobald ein Politiker die Bühne betritt. Zum Zeichen: Uns reicht es. Genug gespart, genug gedient, gegenüber Brüssel und der Troika. Schluss mit Pedro Passo Coelho in Lissabon. Und Schluss auch mit Alberto Jõao Jardim in Funchal. Erinnert euch: Es kann auch ganz anders gehen. Das Volk kann sich erheben. Die Machtverhältnisse können sich ändern, schneller als „oben“ vermutet.

Die Portugiesen singen. Sie erinnern sich an große Tage ihrer Geschichte.
Liebenswert ist das für die vielen Touristen. Lieber friedlicher Gesang aus hunderttausend Kehlen als Wasserwerfer auf den großen Plätzen der Stadt.
Vorausgesetzt, dass die Politiker, denen da vorgesungen wird, sich noch einen Rest ihrer portugiesischen Seele bewahrt haben, mögen sie erschrecken angesichts des fortgesetzten Gesangs bei allen möglichen Anlässen bis hin ins kleinste Dorf. Doch zu befürchten steht, dass sie gar mitsingen. In der Erinnerung an große historische Tage herrscht eine enorme nationale Einigkeit, über alle Parteigrenzen hinaus.
So bleibt Portugal der Musterschüler unter den Troika-geführten Mitgliedsländern Europas. Und stapft weiter auf den Abgrund zu. Das Revolutionslied auf den Lippen.

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