Ein grosser weisser Zuckersack mit blauer Aufschrift
Nordzucker aus Braunschweig - 50 kg im madeirensischen Supermarkt

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Ausrutscher unterm Rettungs-Schirm

14. August 2011

Ein Kommentar von Pedro Latour dos Santos

latour-Natürlich gab es die naiven Appelle auch auf Madeira, als Portugals Finanzen wegbrachen: „kauft portugiesisch“, analog zu „buy American“. Es war aber schnell klar, dass man auf seinen Computer oder das Auto made in Portugal lange warten kann. Danach meldeten sich die Spitzfindigen zu Wort: „Wann immer möglich, kaufe madeirensische Produkte!“ Bei Bananen sicher ein praktikabler Ratschlag. Aber wie ist es mit der H-Milch, wo nur das Wasser aus Madeira stammt, das Milchpulver hingegen aus Irland?

Es ist sicher richtig, wenn sich Konsumenten – dazu zählen auch Feriengäste - so oft wie möglich für madeirensische Produkte entscheiden. Von Avocados bis Zwiebeln hat die Insel unendlich viele Leckerbissen zu bieten. Komisch ist aber, wenn auf einmal polnischer Rübenzucker in einem Supermarktregal steht, der zehn Cent billiger ist als der herkömmliche Zucker. Da langen Tausende von Tonnen Rohrzucker aus der Karibik im Freihafen Madeiras an, und die Regionalregierung verpatzt die Gelegenheit, einen Bruchteil dessen zu günstigen Konditionen auf Madeira zu vertreiben. Noch witziger ist das Angebot von „Nordzucker“ aus Braunschweig. Die beliefern einen Supermarkt Madeiras mit Fünfzig-Kilogramm-Säcken. Bei geöffnetem Paket lockt man zu Hause ein Volk von Ameisen an, für die dann das Leben ein Zuckerschlecken wird. Auch das Angebot von Blumenerde aus Vechta überrascht. Warum importiert die Blumeninsel Madeira Blumenerde aus Deutschland anstatt den Stoff selber preiswert und gut abzufüllen?

Der Staat Portugal unterm Rettungsschirm hat die Aufgabe, seine Wirtschaft zu dynamisieren und die Staatsausgaben zu begrenzen. Der Import von Zucker und Blumenerde aus Mitteleuropa ist dabei kein zukunftsweisender Schritt. Noch abwegiger ist das regierungseigene Jornal da Madeira. Die Regierung Madeiras wälzt eine Schuldenlast von acht Milliarden Euro vor sich her. Trotzdem leistet sie sich neben dem amtlichen Regierungsblatt eine kostenlose Tageszeitung, die
den Haushalt der Region mit zehn Millionen Euro im Jahr belastet. Diese Tageszeitung spiegelt die politische Ausrichtung der Regierungspartei PSD wider und ist der Tendenz nach mit dem Bayernkurier der CSU vergleichbar. Der Unterschied ist, dass der Bayernkurier nicht von der bayerischen Landesregierung bezahlt wird. Außerdem bemüht sich die madeirensische Regionalregierung mit ihrer tendenziösen Tageszeitung, die konkurrierende Tageszeitung (ein liberales, unabhängiges Blatt) auszuschalten. Der portugiesische Staat hat neunzig Milliarden EU-Hilfen erhalten, unter Auflage strenger Sparmaßnahmen. Der Unterhalt des Jornal de Madeira konterkariert diese Maßnahmen. Doch der portugiesische Staat schaut weg. Nun müsste die Europäische Kommission einschreiten und die Einsparung der zehn Millionen Euro fordern. EU-Kommissionspräsident Barroso weiß um den Missbrauch öffentlicher Gelder auf Madeira. Doch der Portugiese schweigt. Will er seine Parteifreunde decken?

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