Madeiras Geisterstadt

15. Juni 2011

Was wird aus Quinta do Lorde?

um - Alle ziehen weg, bis auf einen kleinen Rest. Die Landflucht entvölkert ganze Regionen in Frankreich, Italien, Festlandportugal....Aber in dem menschenleeren schmucken Dörfchen am Ostende Madeiras hat nie einer gelebt. Das ist der Unterschied. Quinta do Lorde ist ein Kunstprodukt – für wohlhabende Residenten konzipiert und mit zweifelhafter Baugenehmigung errichtet.

Das Ambiente stimmt: Leuchtturm, Marina, Hafenkneipe und mitten im Dorf steht die Kirche. Was will man mehr? Die Antwort auf die Frage ist ganz einfach: Menschen, die den pittoresken Flecken zum Leben bringen. Die paar Servicekräfte, die fast lautlos zu Wege gehen, wirken wie Playmobil-Männchen in einer Plastikwelt. Der zweite Dorfring steht im Rohbau, an dem kein Handschlag getan wird. Und die fliegenden Maschinen, die über dem Dorf zur Landung auf dem nahen Flughafen von Madeira ansetzen, überschatten die gepflegte Anlage aktuell toten Kapitals.

Umweltschützer haben den Baustopp erwirkt. Denn an Madeiras Küstenzone entscheidet nicht die Inselverwaltung, ob gebaut werden darf oder nicht, sondern die portugiesische Küstenaufsicht. Diese ist bei der Erteilung der Baugenehmigung nicht mit einbezogen worden. Die Halbinsel Ponta do São Lourenço steht vollständig unter Naturschutz. Wenn auch Sturmvögel, Kanarienpieper und Wachteln sich mit den lärmenden Turbinen der Flugzeuge längst arrangiert haben und auch die wanderlustigen Touristenströme auf dem Pfad zur Casa de Sardinha tapfer ertragen, werden sie dem Treiben der Menschen in einem rund um die Uhr bewohnten Dorf nicht mehr standhalten. Naturschützer sehen Flora und Fauna der Halbinsel bedroht – über und unter Wasser. Während der Präsident der Inselregierung versucht, die Küstenaufsicht über den Joker „Autonomie“ an sich zu bringen (Madeira ist eine von zwei „autonomen Regionen“ Portugals mit weitgehenden Sonderrechten), ruht das Bauprojekt Quinta do Lorde. Das Versprechen auf der Homepage, im Sommer 2011 werde das Dorf fertiggestellt sein, klingt auf Grund der juristischen Sachlage viel versprechend und illusionär. Die Erfahrung mit Portugal ist, dass Lösungen von juristischen oder politischen Verwicklungen am Sankt-Nimmerleins-Tag erfolgen. Bis dahin bleibt alles in der Schwebe. So könnte die Quinta do Lorde als schmucker Neubau dem Verfall ausgesetzt sein.

Dabei ist die Konzeptidee keinesfalls widersinnig. Retortenstädte können durchaus Lebensqualität entwickeln. Das beste Beispiel liefert Erlangen. Der fränkischen Stadt wurde Ende des 17. Jahrhunderts eine am Schreibtisch konzipierte Neustadt angegliedert, die den aus Frankreich geflohenen Hugenotten eine dauerhafte Bleibe gewährte. Als dann wenig später Erlangens Altstadt abbrannte, wuchs auf dem sanierten Gelände die Neustadt quadratisch weiter. Argelès-sur-Mer im katalanischen Teil Frankreichs oder Port El Kantaoui in Tunesien sind städtebauliche Plan-Beispiele mit beträchtlichem touristischen Erfolg. Quinta do Lorde könnte zweifellos daran anknüpfen, wenn man es schaffte, vor dem vorzeitigen Altern der Neubauten dem Dorf Leben einzuhauchen. Der Hafen funktioniert schon. Aber die Kirche als Dorfmittelpunkt soll nach dem Planungskonzept nie in Betrieb gehen, sondern lediglich als Architektur-Attrappe firmieren. Solch ein Dorf wirkt dann nur „täuschend echt“, falls es je zum Leben kommt.

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