Raubbau an der Natur

24. Mai 2011

Das Flusstal von Ponta do Sol wird verschandelt

um - Los geht’s an der Kapelle hinterm Solar. Die Wanderung entlang der Levada do Moinho lässt schnell Häuser und Straßen hinter sich. Kleine Terrassenfelder säumen auf den ersten hundert Metern den Weg. Danach tauchen Wandersleut' in eine grüne Idylle ab. Kaum ein Wanderweg Madeiras transportiert soviel unverbrauchte Natur. Doch damit ist nun Schluss.

Unten im Talgrund verläuft das Flussbett. An seinem Rand ist ein Fahrspur geschlagen, auf der insgesamt zwanzig Lastwagen gleichzeitig hin- und herbrummen. Der Lärm der schweren Fahrzeuge klettert den Hang bis zur Levada empor, das Grau der Fahrspur beherrscht den Blick aufs Tal. Die Spur zieht sich bis in die Talbeuge, wo vier Bagger die Lastwagen mit Felsbrocken beladen. „Ich hatte Gelegenheit, den Parcours von Anfang bis Ende in Augenschein zu nehmen“, sagt Idalina Perestrelo. Die Vorsitzende der Umweltschutzvereinigung Quercus schildert die Lage: „Um den Weg anzulegen, haben sie alles abgehauen, was im Weg stand: Lorbeer, Stinklorbeer und andere Baumarten.“

Für die Wandersleut' ist das Naturerlebnis auf dem Rundweg über die beiden Levadas im Tal von Ponta do Sol getrübt, findet Anders Kümper, der die Wanderung bei seinem sechsten Madeira-Besuch im Mai 2011 wiederholt hat. „Der Lärm der Laster ist beträchtlich, und der Ausblick doch immer wieder sehr beeinträchtigt. Laufen kann man hier trotzdem, und wenn man auf die Berge schaut, ist es immer noch schön.“

Es scheint, als hätten die verantwortlichen Madeiras nichts von dem besonderen Reiz begriffen, der die Insel für einen naturnahen Tourismus prädestiniert. Diesen Eindruck bestätigt der Vortrag des Hauptreferenten auf dem madeirensischen Tourismus-Kongress im Mai 2011. Der Experte spielte aus aktuellem Anlass ein Video vom Madeira-Besuch des Papstes Johannes Paul II. vor Jahren ein. Aktuell ist gewiss die Seligsprechung des Ex-Pontifex. Ansonsten hat der reiselustige Papst zum inselspezifischen Tourismus wohl kaum Innovatives beizutragen. Auf dem Holzweg sind die Offiziellen Madeiras nur im übertragenen Sinn. Faktisch holzen sie im Flusstal von Ponta do Sol ab. Mit diesem Schritt versucht die Inselverwaltung einen anderen Fehler zu kompensieren: Die Felsbrocken, die die Laster aus dem Flussbett fort karren, dienen zum Schutz der Wehrmauer des Yachthafens von Lugar de Baixo. Die Wehrmauer ist bereits dreimal von stürmischer See überrollt worden. Nun müsste ein Ponton ins Meer gebaut werden, um die andonnernden Brecher im Notfall zu teilen. Dafür hat Madeira kein Geld mehr. Da der Yachthafen von der EU finanziert wurde, muss er aber irgendwann in Betrieb gehen. Anderenfalls verlangt Brüssel das Geld zurück. Die Inselverwaltung versucht darum, in einer Notaktion, mit den Felsbrocken die Wehrmauer vor der nächsten Sturmflut sicher zu machen.
Diese Felsbrocken stammen aus dem nächstbesten Tal, nämlich Ponta do Sol. Ribeira Brava wäre eine Alternative gewesen. „Es gibt soviel Geröll überall seit dem Unwetter vom Februar 2010. Zum Beispiel auf der Küstenstraße von Ribeira Brava findet sich eine horrormäßige Anhäufung von Geröll, dass teilweise den Kontakt der Promenierenden zum Meer verhindert“, beklagt Idalina Perestrelo. Die Umweltschützerin versteht nicht, warum man das Flusstal von Ponta do Sol auf einer Länge von ca acht Kilometern verschandeln musste. „Außerdem sind die Bewohner in der Ortschaft Ponta do Sol gefährdet, weil man nämlich durch die Arbeiten die natürliche Uferbefestigung des Flussbetts destabilisiert. Das könnte bei einer Wiederholung der sintflutartigen Regenfälle vom Vorjahr schlimme Konsequenzen haben.“ Idalina Perestrelo befürchtet wegen der Flussbett-“Sanierung“ eine Erhöhung der Fließgeschwindigkeit des Wassers mit der Überflutung der Ortschaft als Folge.
Dieser Befürchtung geschuldet hat der Universitätsbiologe Helder Spinola in seiner Funktion als Kandidat für das nationale Parlament Portugals Anzeige gegen die Bauverwaltung Madeiras erstattet.

Irgendwann werden genügend Felsbrocken aus dem Flussbett gekarrt sein und die Laster aus dem Tal verschwinden. Dann braucht die Natur ein paar Jahre, um die Spuren des Raubbaus zu überwuchern.

Anmerkung der Redaktion:

Im Juni 2011 wurde der Transport von Felsbrocken und Geröll aus dem Tal von Ponta do Sol eingestellt. Lärm von Lastwagen beeinträchtigt nun nicht mehr die Wanderungen auf den Levadawegen Moinho und Nova. Die Verwüstungen, die die schweren Fahrzeuge im Flußtal von Ponta do Sol hinterlassen, werden einige Jahre sichtbar bleiben.

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