Senhor Carlos mit dem Benzin-Pflug auf einem schmalen Ackerstückchen zwischen Stall und Bäumen
Der neue Benzin-Pflug kommt auf schmalsten Ackerflächen zum Einsatz

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Zurück zur Natur!

8. April 2011

Junge Madeirenser entdecken die Landwirtschaft für sich

um - Die Arbeitslosigkeit auf Madeira ist auf eine Rekordmarke von über zehn Prozent gestiegen. Viele junge Menschen versuchen deswegen als „Gastarbeiter“ ihr Glück in der Fremde, in Frankreich oder in England. Andere kehren auf die Äcker ihrer Vorfahren zurück.

Eigentlich wollte sich von den Jungen niemand mehr die Hände schmutzig machen. Jahrelang lagen viele Ackerflächen brach, oft direkt vor der Haustür. Auf den Feldern sah man vor allem Frauen und Männer weit jenseits des Rentenalters. Und nun das: „Nicht nur Bauarbeiter, für die es keine Arbeit mehr gibt, sonder auch qualifizierte Kräfte, die auf dem Arbeitsmarkt keine Perspektive sehen, setzen verstärkt auf die Landarbeit als Broterwerb,“ beschreibt Simão Santos die aktuelle Situation. Der Vorsitzende des Vereins junger Landwirte auf Madeira und Porto Santo setzt voll auf die Ankurbelung der heimischen Landwirtschaft mit jungen Kräften: „Wir brauchen dann nicht mehr so viel zu importieren. Wenn wir die Landwirtschaft für die Jungen attraktiv machen, können wir sogar exportieren.“ Tatsächlich bietet die madeirensische Selbstverwaltung in allen Regionen der Insel Qualifikationskurse für Bauern und Bäuerinnen an. Dort wird Biologie und Biochemie gebimst.
Immer wieder gibt es auch findige Kleinunternehmer, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Einer zum Beispiel hat für zweitausend Euro einen Benzin-Pflug gekauft. Damit zieht er über die Lande. Mit dem Gerät pflügt er binnen einer Stunde einen Acker um, für dessen Bearbeitung ein Bauer mit Hacke einen ganzen Arbeitstag benötigte. Der Pflug ist der Renner in einer Landwirtschaft, die wegen der steilen Hänge und der kleinen Ackerflächen keine Traktoren und große landwirtschaftliche Maschinen zum Einsatz bringen kann. Den neunzig Kilogramm schweren Benzin-Pflug an seinen Operationsort zu bringen, ist Schwerstarbeit. Junge oder mittelalte Männer gibt es in den Dörfern zu Hauf, die mit anpacken und auch die harte Pflugarbeit mit der Maschine bewerkstelligen. Einer davon ist Senhor Carlos, der 22 Jahre in einem Bekleidungshaus in der Inselhauptstadt tätig war. Dann schloss der Laden seine Pforten. Der heute 44jährige ist seitdem arbeitslos und schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch: Felder bestellen, wo es der alten Nachbarin an Kräften fehlt, die Pflugmaschine auf den Acker hieven, Kartoffeln und Süßkartoffeln ernten, die Ernte verkaufen, eine Steinmauer reparieren oder den Draht am Hühnerstall erneuern. Äcker gibt es mehr als genug, Arbeit „im Schweiße des Angesichts“ ebenfalls. Der Verdienst ist extrem niedrig und viele der jungen Männer bringen eine großen Teil der Einnahmen gleich in die nächstgelegene Kneipe, in die „Tasca“. Da bleibt dann wenig übrig fürs Familieneinkommen.

Die Alternative liegt im ökologischen Anbau. Dieser wird vom Staat in vielfältiger Form gefördert. Es gibt Ausbildungsseminare und großzügige Beihilfen. Leider haben die meisten Hotels und Restaurants auf Madeira noch nicht erkannt, dass viele Gäste liebend gern biologisch angebautes Obst und Gemüse von der Insel auf ihren Tellern vorfinden würden.

Leserbriefe

renate schwanck 23.04.2011 13:02

auch mir bereitet ihr artikel viel freude. wir leben hier auf der insel und haben auch festgestellt, das sie zunehmend vermüllt. das ist sehr schade und uns tut es immer weh, wenn wir einen alten kühlschrank oder ähnliches am rande der levadas finden. wenn ich vom spaziergang zurückkehre, habe ich oft eine prall gefüllte tüte mit plastik- und papiermüll (leere zigarettenschachteln usw.)zu entsorgen. es sind aber nicht nur die einheimischen, auch viele touristen lassen ihren picknickmüll liegen.
über bioprodukte würde ich mich auch freuen.
viele grüße
renate

Karin Mombauer 08.04.2011 17:18

Ihr Artikel bereitet uns sehr viel Freude. Als Wanderer und Madeira-Fans haben wir uns schon lange über die brach liegenden Terassen gewundert, besonders, weil es so viel Armut auf der Insel gibt. Wenn es mehrere junge Bauern und Bäuerinnen geben wird, wird man wohl auch in Zukunft mehr auf die Umwelt achten und Plastik und Unrat nicht mehr einfach um sich herum verstreuen! Und dann in Zukunft noch Bioprodukte? Toll!
Viele Grüße und auch danke für viele gute Artikel
Karin und Peter

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