Der modernisierte Hafen von Funchal
Die weiße Röhre ist das Kernstück des neuen Hafens

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Wolle mer se rinlasse?

8. August 2010

Großer Bahnhof für moderne Kreuzfahrer

Erich Honecker hätte am liebsten niemanden rein gelassen. Der gebürtige Saarländer war weiß Gott kein Jeck. Aber die DDR brauchte Devisen. Deshalb gab es das 24-Stunden-Visum ganz ohne Tusch. Von West- nach Ostberlin und gleichen Tags retour. Mitternacht war Zapfenstreich. Wer da nicht wieder drüben war, kriegte Ärger. Ganz anders der moderne Tagestourismus im Kreuzfahrtgeschäft. Da reibt sich das madeirensische Prunk-Komitee im neuen Pomp-Port von Funchal vor Freude die Hände, wenn die Riesenpötte im Hafen anlegen. Tausende verlassen die Riesen am Morgen, thronen als Tollitäten auf dem „Zoch“, der um die Insel geht, und sitzen abends um sieben Uhr brav wieder in den Bord-Restaurants, während die Kähne mit dreimal langem töht hinaus aufs weite Meer treiben.

Kreuzfahrten boomen. In Funchal gingen in der ersten Jahreshälfte 2010 fast eine Viertelmillion Passagiere an Land. Rund zwanzig Prozent mehr als 2009, das schon ein Rekordjahr war. An manchen Tagen werden mehr als sieben Tausend moderner Kreuzfahrer abgefertigt. Tendenz weiterhin steigend. Das schwemmt Geld an, verlangt aber auch ein gediegenes Maß an Organisationstalent. Madeira hat sich mit seinem neuen Port den Herausforderungen des Tagestourismus en masse gestellt. Dreizehn Millionen Euro wurden verbaut. Die Rechnung scheint aufzugehen.
Ins Auge fällt eine lange weiße Kunststoff-Röhre auf dem Pier. Wenn gerade einmal kein Kreuzfahrtschiff angelegt hat, erschließt sich die Benutzung dieser Röhre nicht sogleich. Die alte Gangway gibt es noch. Die Passagiere gelangen vom Pier in das neue Gebäude, sorgsam bewacht vom Zollpersonal. In der ersten Etage des pompösen Ports, so die Planung, erwartet sie forthin Flughafenflair:

Doch nur im Fährbetrieb. Den Luxuslinern werden nun flexible Finger wie auf dem Flughafen an die Außentüren geschoben. Darin gelangen die Passagiere vom Schiff aus auf die erste Etage des pompösen Ports. Auch dort erwartet sie Flughafenflair: Gepäckband, Shops, Info-Desks in luxuriösem Ambiente. Auf der Rolltreppe geht es hinunter. Unzählige Busse stehen bereit. Eine neu gebaute Trasse verbindet den Hafen mit der Schnellstraße, die die Insel fast umrundet. Madeira in sechs bis acht Stunden. Nicht non-stop. Kaffee und Mittagessen mit Bodenberührung. Madeiras Schönheit lässt sich aus der erhobenen Busperspektive bestens genießen.

Wer ausschließlich die Hauptstadt erkunden will, kann den Weg zu Fuß zurücklegen. Man braucht vom Hafen etwa dreißig Minuten bis ins Zentrum, wird allerdings unentwegt von Wegelagerern behelligt. Taxifahrer wittern ihr Geschäft, Timeshare-Verkäufer lassen nicht locker.

Moderne Kreuzfahrer sind Tagesgeschäft. Der neue Gala-Port nimmt sie abends wieder auf, wenn sie müde, aber voller bunter Bilder zurückkommen von ihren Ausflügen. Sanft verteilt er die unzähligen Menschen an die vielgeschossigen Boote, die trotz High-Tech immer noch von Lotsen aus Fleisch und Blut 'rein und 'raus manövriert werden. Aus dem Tower, der das Port-Gebäude krönt, werden computergestützte Daten gesandt. Neben dem Tower bevölkern mehrere Möwenkolonien das Kunststoff-Dach. Oft sind es tausend Tiere, die den Port zu ihrer großen Plattform machen. Im Unterschied zu den Tagestouristen bleiben sie da. Es könnte sein, dass Madeiras Prunkgebäude in wenigen Jahren ein neues Dach benötigt.

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