Kolumbus-Museum in Porto Santo, graues Steinhaus mit rot eingefassten Bogenfenstern
Ob Kolumbus tatsächlich hier gewohnt hat?

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Kolumbus ein Portugiese?

10. November 2010

Die große Seefahrernation hat einen heimlichen Traum

Zurückhaltend sind Portugiesen, wahrlich keine Volltöner oder Prahlhänse. Patrioten sind sie fast alle, und stolz erst recht, dass sie mal wer waren – in der Vergangenheit, als nämlich lusitanische Kapitäne die Küsten Westafrikas und Südostasiens befehligten. Inzwischen hocken die Portugiesen im Keller der europäischen Union. Düster ist angesichts des tiefen Falls die Stimmung im Land. Verständlich, dass eine lädierte Volksseele die vergangenen im doppelten Sinn goldenen Zeiten verklärt. Es gibt sogar Publikationen, die in nationaler Begeisterung noch eins drauf setzen. Kolumbus war einer von uns!

Spektakulär die These eines Pedro Laranjeira: Der Journalist überraschte mit der Behauptung, DNA-Analysen belegten, dass der Entdecker Amerikas der Enkel des Alentejaner J. G. Zarco sei, des Entdeckers Madeiras. Portugal bleibt so unter sich, und ein bisschen Madeira ist mit von der Partie. Das Buch des Journalisten wurde in Madeira vorgestellt und verkauft sich gut, wen wundert's?
In einem Film und dem Buch dazu entwickeln der Cineast Manuel de Oliveira und der Autor Manuel da Silva Rosa eine Undercover-Geschichte. Der portugiesische Kapitän Kolumbus musste, um von den reichen Spaniern den Auftrag zum Auslaufen zu erhalten, seine nationale Identität wechseln. Er mimte am kastilianischen Hof den Spanier, seine auf spanisch formulierten Briefe weisen aber deutlich portugiesischen Einschlag auf. Fakt ist, dass Kolumbus lange für Genua im portugiesischen Zuckerhandel tätig war. In diesem Zusammenhang lief der Kapitän des öfteren Madeira an, wo er Zucker für den reichen italienischen Norden lud und also „nach Hause“ brachte. Kolumbus freundete sich dabei mit dem flämischen Zuckerbaron Jean Esmerault – alias João Esmeraldo – an, in dessen Herrenhaus zu Ponta do Sol er gelegentlich Gast gewesen sein soll. So ist davon auszugehen, dass der Handlungsreisende in Sachen Zucker auf portugiesischem Terrain portugiesisch sprach. Später dann hat Kolumbus in Lissabon und auf Porto Santo gelebt, sodass das Portugiesische ihm geläufig wurde. Es nimmt darum nicht wunder, dass der Navigator beim Erwerb und Gebrauch des verwandten Spanischen eine portugiesische Einfärbung behielt.
Ein weiteres Argument für Kolumbus' Identität ist folgendes: Der Kapitän hat Touren im Auftrag des portugiesischen Königshauses durchgeführt. Der König hätte nie einem Ausländer den Auftrag dazu erteilt. Dieses Argument ist stichhaltig, ebenso wie der Hinweis darauf, dass Kolumbus fast alle neu entdeckten Inseln und Buchten in der Karibik mit portugiesischen Namen belegt hat (so zum Beispiel São Salvador, São Domingos, Cabo Isabel, Cabo Rocho oder São Miguel.
Diese beiden Argumente sind tatsächlich nicht von der Hand zu weisen, die nationale Identität des Kolumbus wird damit aber keineswegs bewiesen.

Dass Kolumbus eine Adlige aus Porto Santo zur Frau nahm, ist für die „Pro-Portugiesen“ ein weiterer Beweis für die portugiesische Identität des Entdeckers. Niemals, so das Argument, hätte ein armseliger Genueser, als welcher Kolumbus „fälschlicherweise“ gilt, es zu einer Standesheirat in Portugal gebracht. Was unerwähnt bleibt, sind folgende Tatbestände: Dona Filipa geht mit 25 in Lissabon auf eine Klosterschule. Um 1479 gilt sie mit diesem alter als alte Jungfer, die wohl kaum noch unter die Haube kommt. Die Familie von Filipa ist verarmt. Sie hat kaum Geld für die Mitgift der Tochter. Der Vater der Braut heißt Bartolomeu Perestrello und war der Sohn italienischer Einwanderer. Das macht das Einheiraten eines weiteren Italos leichter. Der Vater von Filipa hatte Heinrich dem Seefahrer bei der Kolonialisierung von Madeira und Porto Santo große Dienste geleistet. Der Prinz verlieh im dafür Porto Santo als Lehen sowie den Erbtitel „Capitao von Porto Santo“. Kolumbus hatte Spitz gekriegt, dass seine Schwiegermutter alte Seekarten ihres verstorbenen Mannes hütete. Darauf war der Navigator neugierig und luchste sie der Alten mit Erfolg ab. Das Studium der Karten bestärkte Kolumbus in seinem Plan, gen Westen aufzubrechen. Dies behaupten Klaus Brinkbäumer und Clemens Höges in ihrem Spiegel-Sachbuch „Die letzte Reise. Der Fall Christoph Kolumbus“. Was an den Haaren herbeigezogen erscheint, ist die These der beiden Autoren, dass ein Stück Holz von Porto Santo über die Azoren in die Karibik schwimmt und dann wieder in Porto Santo ankomme. Die Spiegel-Journalisten suggerieren, Kolumbus habe das während seiner Lebensphase auf Porto Santo beobachten können. Die Passatwinde, die jeder Segler für eine angenehme Atlantiküberquerung nutzt, legen eine andere Route nahe, aus einem ins Meer geworfenen Stück Holz machen sie aber keinen „Bumerang“.
Brinkbäumer und Höges erwähnen, dass auch die Spanier Kolumbus eingemeinden wollten. Gestreift wird auch in dem Spiegel-Sachbuch dass der KZ-Überlebende Simon Wiesenthal in Kolumbus einen Juden erkennt. Bei der Reconquista, also der Vertreibung der Araber von der Iberischen Halbinsel, wurden auch die Juden gezwungen, auszuwandern. Stichtag war der 2. August 1492 um Mitternacht. Früh am 3. August stach Kolumbus in See. Wiesenthal bringt noch andere Indizien, die seine Argumentation unterstützen. Insgesamt klingt alles ein wenig angestrengt.

Stattdessen klingt eine geschichtliche Komponente überzeugend, mit der die beiden Spiegel-Journalisten den portugiesischen und anderen Einbürgerungsversuchen des Amerika-Entdeckers den Wind aus den Segeln nehmen. 1453 erobern die Türken Konstantinopel/Byzanz, also das heutige Istanbul. Dieser Vorstoß traumatisierte das Abendland, das zu jener Zeit dabei war, seinen transkontinentalen Handel auszubauen. Wie sollten die Gewürze, der Pfeffer, die Seide, die anderen begehrten Güter aus dem fernen Asien an den wilden Türken unbeschadet vorbei geschafft werden? Das reiche Genua orientierte sich schockiert zunächst gen Westen, um dort den Handel zu intensivieren. Langfristig aber träumte die genuesische Kaufmannschaft von einem direkten Seeweg nach Indien, der kürzer und schneller als der kombinierte Land-Meerweg übers Schwarze Meer und als der lange Weg entlang der Küsten Afrikas war. Diesen Weg suchte der berühmteste Sohn der Stadt später - und „entdeckte“ Amerika.

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