Etwa Handgroße Figuren in der bunten beleuchteten Krippe von Ponta do Sol
Die Krippe von Ponta do Sol steht direkt beim Rathaus im Dorfzentrum

Druckansicht

Aus dem Bett in die Kirche

17. Dezember 2010

Frühes Aufstehen ist auf Madeira ein Weihnachtsbrauch

Die Vor-Weihnachtszeit auf Madeira kann für die Bewohner der Insel recht anstrengend werden. Das liegt nicht an der sogenannten „Weihnachts-Hysterie“, die die Madeirenser vor dem wichtigsten Fest des Jahres überfällt, und die darin besteht, Geschenke und Lebensmittel in ungeahnten Mengen herbeizuschaffen. Vielmehr sind es die kirchlichen Traditionen, die – nicht nur auf dem Land – von erstaunlich vielen Inselbewohnern treu gepflegt werden. Und so haben die Männer aus der Kirchengemeinde bis spät in die Nacht gehämmert, gebohrt und geschraubt, um die große Krippe auf dem Dorfplatz aufzubauen. Und am anderen Morgen um viertel vor Fünf waren sie mit ihren Frauen und Kindern schon wieder unterwegs – zur ersten „Missa do Parto“, der Geburtsmesse.

Jedes Dorf auf Madeira hat seine eigene Krippe. Manche sind riesig und die Figuren stehen darin lebensgroß, wie in Canhas oder auch auf der Avenida Arriaga in Funchal. Andere sind aus Metall und glitzern bizarr, wie in Calheta. Lebende Tiere findet man nur noch selten, vielleicht in Porto da Cruz. Jede Krippe wird von Ehrenamtlichen nach der Arbeitszeit liebevoll aufgebaut. Bis Mitte Dezember muss alles fertig sein. So hört man am Abend des 15. Dez noch manchen Hammerschlag und manches Frauenlachen – wenn Äpfel und Orangen auf die Rasenflächen herunterrollen.

Neun Tage vor Weihnachten beginnen die Missas do Parto, die Geburtsmessen. Neun Tage lang wird jeweils eine Frühmesse gefeiert, neun mal – für jeden Monat der Schwangerschaft Marias eine. Wenn am frühen Morgen die Gottesdienstbesucher an der Krippe vorbeikommen, muss diese natürlich in vollem Licht erstrahlen. Vor dem Morgengrauen, manchmal gar schon um fünf beginnt die Frühmesse. Die Besucher kommen traditionell zu Fuß zur Kirche, holen einander ab und legen den Weg gemeinsam zurück. Dabei klopfen sie einen charakteristischen Rhythmus: vier Achtel und zwei Viertel Schläge. Genau richtig, um danach zu marschieren. Leicht zu erlernen für jedermann. Schlaghölzer und Rasseln kommen ebenso zum Einsatz wie improvisierte Instrumente aus Metalldosen und Plastikflaschen, gefüllt mit Erbsen oder Bohnen. Manchmal ist auch ein Akkordeonspieler dabei und animiert die Frühaufsteher zum Singen. Mit Lärm und Musik wollen sie die noch Schlafenden bewegen, sich ihnen anzuschließen. Wer gar zu fest schläft, den wecken dann vermutlich die Böllerschüsse, die vor der Kirche abgefeuert werden.
Einige Kirchengemeinden versuchen in diesem Jahr, die Langschläfer über das Internet zur „Missa do Parto“ zu holen. Camacha, Câmara do Lobos und Porto Santo bringen auf ihren Internetseiten ausführliche Hinweise zum Gottesdienstprogramm, inclusive der Liedertexte. Porto Santo hat gar eine online-Übertragung angekündigt.
Wie groß der Zuspruch zu diesem „geistlichen Frühsport“ ist, davon mag mancher Priester in der deutschen Großstadt träumen: über 800 Gemeindemitglieder sollen bei der ersten Missa do Parto in Curral das Freiras, unter Vorsitz des Bischofs von Funchal, am vergangenen Donnerstag dabei gewesen sein, berichtet das portugiesische Fernsehen.
Weihnachten ist ein fröhliches Fest. Nach der Missa do Parto gehen die Frühaufsteher lachend und erzählend nach Hause. Stolz auf die Heldentat, das Bett an einem regnerischen, stürmischen Tag in früher Morgenstunde verlassen zu haben.

Leserbriefe

Keine Leserbriefe vorhanden

Leserbrief schreiben

Mit Sternchen (*) gekennzeichnete Formularfelder müssen ausgefüllt werden.