Sebastian Kapelle Ponta do Sol
Altar in der Sebastian-Kapelle

Druckansicht

Sonne, Feuer, Licht

30. März 2010

Kuriositäten zum Osterfest

Unsere Leserin Zoe R., wurde am Morgen des Palmsonntag unerwartet Zeugin der Palm-Prozession in Ponta do Sol Von ihr stammt der Artikel, den wir im folgenden veröffentlichen.

 

Mir war richtig unheimmlich zu Mute, als urplötzlich die Pforten einer Kapelle aufsprangen, die in den vergangenen Jahren bei jedem Besuch verschlossen war. Es huschte ein Prozessionszug hinaus. Ein paar Dutzend Menschen, junge mit kleinen kräftigen Schritten voran, Alte schleppenden Schritts zum Schluß. Die meisten von ihnen trugen einen kleinen Strauß immergrüner Zweige im Arm. Sie hielten ihn wie ein Juwel. Der Sonntag vor Ostern heißt Palmsonntag, und ich stand an jenem Sonntag zufällig da, wo mir eine unvertraute Welt aufging. Die grünen Sträuße symbolisieren die Palmzweige, die die Bevölkerung Jerusalems beim Einzug Jesu in die Stadt schwenkten. Die Palmzweige bei der Prozession werden zuvor vom Priester geweiht, wie ich später erfuhr. Die Gläubigen trocknen ihren Zweig zu Hause und verbrennen ihn dann. Die Asche wird bei schlechtem Wetter in kleinen Portionen auf die Felder gestreut. Das vertreibt böse Kräfte, die schlechtes Wetter machen. Als die Prozession sich langsam entfernte, konnte ich in die Kapelle unbemerkt eindringen. Ich wollte mir dieses Bauwerk immer schon von innen ansehen. Ponta do Sol heißt der Ort, an dem die Kapelle steht, oberhalb der Altstadt, auf einem kleinen Plateau mit herrlichem Meerblick. Zum ersten Mal taucht die Kapelle des Heiligen Sebastian 1597 in amtlichen Dokumenten auf. Ponta do Sol war durch den Zuckerrohranbau reich geworden und konnte sich neben der berühmten Barockkirche zwei Kapellen auf engem Raum leisten. Die Kapelle selbst macht im Inneren keinen reichen Eindruck mehr. Karge Sitzgelegenheit für keine fünfzig Gläubigen. Die Seitenwände kahl, die weisse Tünche blättert ab. Die Stirnseite überfrachtet, wie üblich im Barock. Für eine Nicht-Katholikin, also aus der Distanz gesehen, überrascht immer wieder, wie schnell die päpstliche Dogmatik verfliegt Im Volksglaube ist die katholische Kirche eher eine Villa Kunterbunt, die Christentum und Heidentum vermählt. So auch die Kapelle, in der ich nun mutterseelenallein stand. Da posierte auf einem kleinem Podest ein Jüngling, halb Knabe, halb Mann, mit Attributen eines römischen Feldherrn zu seinen Füßen: Helm und Schwert. In Bauch, Armen und Beinen ist der Jüngling durchbohrt von Pfeilen, zudem ist er mit Seilen an einen Baum gebunden, der an ein zerborstenes Kreuz erinnert. Umrahmt wird die Szene von paarweise errichteten imitierten Marmorsäulen. Unterhalb der Szene prangen drei Medailllons. Die vergoldeten Platten unbeschriftet, zwei gehalten von barbusigen Frauen, in pseudo-klassischer Weise dargestellt. Hinter dem Helden ein Relief vollen Sonnenscheins, mit grellen Gelbtönen im Inneren. Wenn man die dunklen Wolkenschleifen an den Rändern als Rauchwolken deutet, könnte das Bildinnere auch ein loderndes Feuer darstellen. Eingeweihte belehrten mich, dass die grelle Hintergrund-Sonne Symbol der Auferstehung sei. Ich dachte an Zarathustra, den Gott des Feuers, das das Böse verbrennt. Hier fällt mir die Verbrennung des Palmzweigs ein, um mit der Asche böse Geister zu bewingen. Ein Osterfeuer en miniature! Oberhalb der Statue prangt an der Stirnwand die Sonne Ponta do Sols. Hier wurde das Symbol aus dem Wappen des Ortes der religiösen Aussage hinzuaddiert. Allgegenwärtig Sonne, Licht, Sonnenfeuer. Im madeirensischen Dialekt sind „Licht“ und „Feuer“ dasselbe. Wenn Jesus das „Licht der Welt“ sein soll, erscheint er hier auf einmal als Gott des Feuers. Das gleißende Licht des Feuers gebiert die Auferstehung und die Sonne Ponta do Sols schaut ernst zu. Da staunt der Laie, und die Theologin wundert sich. Das wunderliche kleine Gotteshaus in Ponta do Sol heißt Kapelle des Heiligen Sebastian. Der Heilige hilft nicht nur Pest- und Aidskranken, sondern beschützt auch vor Ketzerei. Im eigenen Stall scheint er allerdings nicht aufräumen zu wollen. Muß er auch nicht. Denn die Kapelle ist nun wieder „auf ewig“ verschlossen.

Leserbriefe

Keine Leserbriefe vorhanden

Leserbrief schreiben

Mit Sternchen (*) gekennzeichnete Formularfelder müssen ausgefüllt werden.