Madeira erholt sich tapfer

1. März 2010

Nach dem Unwetter wird fleißig aufgeräumt

Um Mitternacht öffnete sich der Himmel. Wolkenbruchartig prasselte Regen auf das Eiland nieder. Bis 11 Uhr schüttete es in einem fort. 132 Liter pro Quadratmeter an einem einzigen Tag; soviel wie sonst in einem ganzen Wintermonat. Samstag, der 20. Februar 2010, war ein Unglückstag für Madeira. Doch schon am Nachmittag begann überall das große Reinemachen.

 

Die Mitarbeiter des behördlichen Maschinenparks von Funchal rückten mit Räumfahrzeugen und Schaufeln aus, um die Straßen vom Schlamm zu befreien. Die fast 500 Obdachlosen wurden in öffentlichen Gebäuden untergebracht, Suppenküchen dampften bald. Am Abend flog der Regierungschef Portugals ein. José Socrates brachte eine Spezialeinheit der Armee mit, die mit Spürhunden nach Opfern sucht. Taucher waren auch dabei, und Brückenbauer aus der Armee. Militär, Zivilschutz, Rotes Kreuz und Caritas, unzählige Freiwillige und sogar die madeirensischen Pfadfinder schlossen sich den Rettungsmannschaften an.

Auf dem Land waren die Schäden im Großen und Ganzen übersehbar. Natürlich waren Brücken weg gespült und Straßen verschlammt. Doch das Wasser hatte genügend Raum, abzufließen. Häuser, die nah an Bächen oder im Bachbett selbst gebaut waren, wurden überspült. Im Weg stehende Autos wurden tüchtig ramponiert. Aber sehr bald hatten sich die ländlichen Zonen von der Katastrophe erholt. Und wenn die Sonne dort herauskommt, ist es, als wäre nichts geschehen. Lediglich Curral das Freiras erwischte es hart. Der Talkessel war regelrecht vollgelaufen. Erst in den Morgenstunden des folgenden Montags gelangten Suchtrupps an den abgelegenen Ort. Ein Todesopfer, eine Person wird noch vermisst, unzählige beschädigte Häuser. Beunruhigend war auch die Situation in Ribeira Brava, zu deutsch: der Wilde Fluss. Selbiger Fluss trat schon bald über die Ufer, in der überfluteten Kirche schwommen Enten. Bald war die gesamte Innenstadt landunter. Zwei Todesopfer hat es in Ribeira Brava gegeben. Der alte Busfahrer Americo wetterte seit Jahren: „Früher, da war das Flussbett doppelt so breit. Die haben es immer enger gezogen. Irgendwann kommt das Hochwasser und der Fluss tritt über die Ufer.“

Am schlimmsten hat es die Hauptstadt getroffen. Funchal liegt in einer Bucht, umgeben von 1500 Meter hohen Bergen. Wassermassen rasten zu Tal. In Sekundenschnelle schwollen Bäche zu reißenden Strömen an und überfluteten die Uferstraßen. Die meisten Opfer wurden vom Wasser auf der Straße erfasst und fortgerissen, teilweise in ihren Autos. Der Regierungspräsident erklärte am Abend des Unglückstags: „Die Kanalisation, die wir in Funchal gebaut haben, hat uns vor einer Katastrophe bewahrt. Hätte das Wasser nicht ablaufen können, wäre die ganze Altstadt abgesoffen.“ Die Umweltschützer hingegen halten der Inselregierung vor, die Flussbetten in der Innenstadt rigide verschmälert zu haben. „Die zu Tale stürzenden Wassermassen und die mitgerissenen Felsbrocken hatten nicht mehr den nötigen Platz, sich auszubreiten,“ wirft Quercus den Verantwortlichen vor. Die Überschwemmungen seien hausgemacht, heißt die Anklage der Umweltschützer und einiger Oppositionsparteien. Der Fluss São Jõao rächte sich besonders wütend gegen seine Einkerkerung. Zuerst überflutete er die Tiefgarage des neuen Einkaufszentrums Dolce Vita auf dem linken Ufer. In seinem weiteren Verlauf hatte die Stadtverwaltung den Fluss unterirdisch zum Hafen geführt. Die Wassermassen drückten nun den Asphalt der Tunnelstraße empor, die über dem Fluss herführt. Die Trasse brach und der Strom bemächtigte sich des Tunnels, in dem er sein neues Bett fand.

Immer noch suchen Hubschrauber, Schiffe der Marine und Landtruppen nach Verschütteten und beobachten die neuerliche Entwicklung. Die Lage stabilisiert sich langsam. Die Bilanz von 48 Toten und weit über 100 Verletzten ist sicherlich niederschmetternd. Touristen sind bis auf eine britische Staatsangehörige nicht betroffen worden. Der strömende Regen hat bei ihnen nach dem Frühstück wie eine Ausgangssperre gewirkt. Funchal braucht zwei Monate und viel Geld, um sich von dem Schock zu erholen. Das ländliche Madeira ist schon wieder dabei, zu werden, was es war.

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