Einheimische im Winter
Gut vermummt gegen die Kälte

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Die Eskimos im Regenwald

13. Januar 2010

Wenn der Himmel weint, fängt Madeira an zu frieren

Südwind, 23 Grad. An der gesamten Südküste Madeiras schüttet es wie aus Eimern. Das Inselvölkchen holt die wärmste Kleidung aus dem Schrank. Während Touristen in T-Shirts und kurzer Hose durch den warmen Regen marschieren, laufen Madeirenser in gefütterten Blousons, Rollkragenpullover, Schal und Wollmütze durch die Gegend. Bei Regenwetter schaltet die Wahrnehmung der Einheimischen auf kalt. 

Die Grönländer kennen vierzig verschiedene Schneesorten, und die regengeprüften Engländer wissen um die breite Spanne zwischen drizzle und It rains cats and dogs. Die madeirensischen Fischer haben unzählige Begriffe, den Zustand des Meeres zu nuancieren. Aber wenn das Wasser von oben kommt, rufen alle Insulaner überwältigt nur das eine Wort: Chuva (Regen). Und die meisten fangen an zu frieren.

„Es ist schon bizarr,“ meint eine Verhaltensforscherin im vertraulichen Gespräch, „man schwitzt bei neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit unter einer dunklen Wolkendecke. Der warme Wind aus Süden lässt schon um acht Uhr morgens das Thermometer auf zwanzig Grad klettern, und das im Januar. Doch viele Madeirenser mummeln sich ein, als lebten sie am Nordpol.“ Die Wissenschaftlerin, die als Touristin ihre Beobachtungen en passant gemacht hat, und der „schwachen wissenschaftlichen Fundierung wegen“ anonym bleiben will, vermutet, dass die Sonne der Wahrnehmung der Madeirenser einen Schabernack spielt. „Die Sonne, die ja bei der dichten Wolkendecke nicht durchkommt, ist sozusagen ein missing link in der gestörten Wahrnehmung. Aber anders als in der Evolutionstheorie, wo Darwin ja den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Affe noch nicht kannte, ist beim Regenwetter auf Madeira der Sonnenschein das echt fehlende Glied, das den Wahrnehmungskurzschluß „Regen ist immer kalt“ hervorbringt.“

Die Verhaltensforscherin weist alle Vermutungen zurück, die Einheimischen litten generell unter einem gestörten Temperaturempfinden. Sie hätten lediglich eine ungewöhnliche Wahrnehmung entwickelt, auf Grund der Tatsache, dass ihnen an 300 Tagen im Jahr die Sonne scheint. Auf den Punkt bringt die Wissenschaftlerin ihre These, „völlig unwissenschaftlich“, wie sie sagt, so:

„Sonne ist Hitze oder zumindest Wärme im Lebensalltag Madeiras. Fehlt die Sonne, weil es regnet, ist es für die Leute hier scheinbar kalt.“ Und mit keckem Lächeln fährt sie fort: „Selbst bei einem feuchtwarmem Klima mit mehr als zwanzig Grad und Luftfeuchtigkeitswerten wie im Regenwald, packen sich einige ein, als würden ihnen Erfrierungen drohen, wenn sie sich in die imaginierte Kälte hinauswagen.“

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