Altstadtgasse
Altstadtgasse

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Bezaubernd und verhärmt

21. November 2009

Funchals Altstadt ist vom Leben gezeichnet

In Alt-Funchal haben Restaurants als „Gartenlokale“ Straßen und Gehwege besetzt. Putzige Häuschen säumen den Wegesrand, und die schmalen Gassen können im Nu zum heißen Pflaster werden. Die Zone am Ostrand Funchals hat Atmosphäre, hier findet jeder, was er braucht: der Gourmet sein Menü, der Flaneur die Promenade, der Kunstliebhaber ein exquisites Museum und der Junkie seinen Schuss. 

In Hamburg, Zürich oder Linz hätte sich längst die arrivierte Szene in vergleichbarem Milieu eingekauft. Da stünden denn extravagant restaurierte Wohnstudios, flankiert von einer Hure an der Ecke, edel designte lukullische „Geheimtipps“ mit Karten spielenden Urgesteinen im Park nebenan, Galerien und Läden mit erlesener Opern- und Jazzmusik...

Auch Portugal hat eine arrivierte Szene, bestehend aus Architekten, Psychiatern, Universitätsdozenten, Geldmenschen, die der Provinzialität ihrer Nation entronnen sind. Doch würden weder portugiesische Szene-Leute noch die Schickeria das pittoresk-berüchtigte Altstadtviertel für sich erobern können. Der Grund dafür ist überraschend konventionell: Aus dem Quartier wurde der Autoverkehr weitgehend verbannt. Die Konsequenz: Man kann mit dem Auto nicht vorfahren, geschweige denn eine automatische Tür zur Garage per Fernbedienung aus dem Fahrzeug heraus öffnen. Dieser Mangel an „Lebensqualität“ ist aus der Sicht potentieller Investoren inakzeptabel. Und so bleibt die älteste Zone Funchals vorerst wie sie ist: Ein Mix aus bummelnden Touristen und ärmlichen Bewohnern, aus vornehmer Gesellschaft im Museums-Restaurant und nervösen jungen Menschen an windigen Ecken. Und mit vielen maroden Häusern, die lange Geschichten erzählen könnten.

Die „zona velha“, wie die alte Zone auf portugiesisch heißt, liegt unweit der Markthalle. Die ersten Siedler Funchals ließen sich am linken Ufer des Flusses João Gomes nieder. Die Siedlung bot Schutz vor dem Meer und vor dem Fluss. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wohnten hier vornehmlich Handwerker in flachen, strohgedeckten Häusern (Fischer, Schuhmacher, Zimmerleute, Maurer, Weber, Schmiede). Die erste Straße Funchals führte mitten durch die Ansiedlung. Sie heißt seit damals Rua Santa Maria. Der gesamte Stadtteil heißt seit langem Santa Maria Maior und hatte bei der Volkszählung von 2001 vierzehn Tausend Einwohner. Der Bevölkerungsschwund ist das zentrale Problem der Zona Velha. Hauptsächlich die Alten und Angeschlagenen bleiben. Nicht wenige der sozial schwachen Familien zogen, wenn sich die Gelegenheit bot, in Wohnblöcke des sozialen Wohnungsbaus um, wo das Leben trostlos, aber das Dach dicht ist.

Die Kernzone der Altstadt zählt 46 Gebäude. Einige sind frisch gestrichen und Blumen geschmückt. Viele aber benötigten eine grundlegenden Renovierung. Die Mieten sind – per Gesetz – extrem niedrig. Senhora Maria Candida ist 71 Jahre alt und lebt sei Urzeiten im Haus Nr. 8 auf der Rua Santa Maria, zusammen mit Tochter und zwei Brüdern Die Monatsmiete beträgt 35 Euro. „Im Winter regnet es durch,“ beklagt sich die Alte, die ein kleines Waschbecken im Haus und ein Plumpsklo dahinter hat. Ihre Vermieterin Ana Mendes ist mittellos. „Um das Dach zu errichten, müsste ich einen Bankkredit aufnehmen. Wie soll ich den denn mit 35 Euro monatlich zurückzahlen? Ich könnte das Haus verkaufen. Vielleicht haben andere Leute das Geld, es in Schuss zu bringen und selber zu bewohnen.“ Aber wer kauft eine Immobilie, bei er Langzeitmieter einen Kündigungsschutz von fünf Jahren besitzen? Eine Menge Häuser stehen seit Jahren leer. Eins von ihnen ist bei einem großen Regenguss im September eingestürzt. Wer ein altes Haus in der Altstadt erwirbt, bekommt von der Stadtverwaltung fünfzig Prozent Ermäßigung auf alle Abgaben. Die Stadt will vier unbewohnte Häuser über Enteignungsakte in ihren Besitz bringen und im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus umgestalten. So sollen neue Bewohner angeworben werden. Eine fortschreitende Entvölkerung ließe die Altstadt weiter herunterkommen. Obdachlose schlafen nachts in leerstehenden Häusern, und schnorren tagsüber. Die Drogen- und Prostitutionsszene zeigt sich bei Licht nicht mehr so deutlich wie früher, kommt aber im Dunklen aus den Verstecken heraus. Jüngst gab es sogar einmal nachts einen Strafzug einer Bande gegen eine andere, bei dem Baseballschläger nieder krachten. Als die Polizei eintraf, konnte sie nur noch Krankenwagen herbeirufen. -

Trotzdem ist die Altstadt die schönste, vitalste und aufregendste Zone Funchals. Das Hotel Porto Santa Maria weist architektonisch einen Weg in die Zukunft. Konträr zu den Bettenburgen der Lido-Zone ist es flach gehalten und entspricht damit der Weite des Meeres vor der Hotelfront.

Die älteste Kirche Funchals ist die „Capela Corpo Santo“. Die Toreingänge dieser auf der Rua Santa Maria gelegenen Kapelle zeigen Spuren manuelinischer Kunst.

Im alten Meeresfort São Tiago ist ein Museum für Zeitgenössische Kunst untergebracht. Das Fort besteht aus dicken Mauern und Türmen mit Schießscharten. Es ist gelb angestrichen und weist in seinem Inneren eine ständige Ausstellung abstrakter Arbeiten zusammen mit wechselnden Exponaten auf. Die Ausstellungen sind nicht so interessant wie die des neuen Museums in Calheta. Aber der Gegensatz von klobiger Trutzburg und zeitgenössischer Kunst im Innenraum lohnt den Besuch. Das Museumscafé lebt von der Vierdimensionalität der alten Architektur und neuen Kunst und den unendlichen Wogen des Meeres als Bild und Geräusch.

Andere Geräusche macht der Fado. Diese Musik erklingt spät abends in einigen Restaurants der Altstadt. Der Fado ist inbrünstig, melancholisch, sentimental und verträumt. Wenn die Musik verstummt, und die Touristen in ihren Betten liegen, ist das dunkle Leben der Altstadt noch lange nicht erloschen. Bei Morgengrauen begegnet die Erinnerung einer schweren Nacht dem Hunger der Möwen vom Meer und später den trippelnden Schritten der ersten Touristen, die Optimismus in die Zona Velha bringen.

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