Die spinnt ja wohl!

24. Oktober 2009

Giftige Tarantel läßt sich von wucherndem Gras in die Flucht schlagen

Keine Angst! Auf Madeira hat sie noch keins ihrer acht Beinchen gesetzt. (Nebenbei bemerkt: Schlangen gibt es auch keine.) Auf den vorgelagerten Inseln Desertas, genauer auf Deserta Grande, und dort nur in einem einzigen Tal, lebt die acht Zentimenter lange Deserta-Tarantel, eine Giftspinne mit schwarzem Leibe und schwarz-weiss gesprenkelten Beinen. Unglücklicherweise wird das räuberische Tier nun in seinem Lebensraum bedroht. Und ausgerechnet die Naturschützer haben der Tarantel die Suppe eingebrockt. 

Die drei Inseln gegenüber Madeiras Küste sind seit Jahrhunderten unbewohnt. Sie stehen unter Naturschutz, der Zugang ist streng reglementiert. Von Funchal und weiten Teilen der Südküste aus hat man eine gute Sicht auf die Inseln. Die Deserta Grande ist mit ihren zehn Quadratkilometern die größte der Gruppe. Obwohl es nur eine einzige permanente Quelle gibt, aus der bloß 12 Liter Wasser am Tag fliessen, ist die Vegetation auf dem kargen Inselboden bemerkenswert. Sie könnte üppiger sein, wenn nicht eingeschleppte Ziegen und Kaninchen das Grün der Insel heißhungrig anknabberten. Die Naturschützer schickten Spezialisten aus Neuseeland auf den Plan, die die Kaninchen auszurotten halfen. Auch den Ziegen erging es schlecht. Von insgesamt 220 auf der Insel lebenden Tieren wurden 194 abgeschossen. Damit nicht genug: auch die letzte Ziege soll fallen. Sind die Feinde erstmal tot, wachsen alle Pflanzen gut, frohlockten die Naturschützer. Die Rechnung ging auf, der letzte Schuß aber nach hinten los.

In dem 20 ha großen Tal „Da Castanheira“ breitet sich ein Gras mit dem botanischen Namen „Phalaris aquatica“ in Windeseile aus. Das Gras überwuchert auch die Steine, auf denen die Tarantel auf Beute zu lauern pflegt. Die einzigartige Deserta-Spinne und Weltgrößte in der Spezies der Wolfsspinnen webt im Gegensatz zu ihren gewöhnlichen Schwestern kein Netz, sondern wirft sich von der höheren Warte eines Steines auf ihr Opfer. Da die Steine aber nun von der Phalaris überwuchert sind, macht sich die Giftspinne resigniert von dannen. In andere Täler der Insel, wo sie sich verliert, keine Artgenossen mehr antrifft und perspektivisch aussterben würde – wenn nicht wieder die Naturschützer an die Front stürmten, und diesmal mit Sicheln bewaffnet dem Gras zu Leibe rücken würden. Diejeinigen, die der Tarantel den Lebensraum im Endeffekt einengten, spielen sich nun als ihre Retter auf. Ökologisch wäre es, nicht den Menschen, sondern die überlebenden Ziegendie Arbeit im Vale da Castanheira erledigen zu lassen. Die brauchten dafür weder EU-Mittel noch Gerätschaften und benähmen sich im Übrigen auch nicht so übereifrig, als ären sie von der Tarantel gestochen.

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