Americano-Traube
Im August steht die Weinlese vor der Tür

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Na denn Prost!

6. August 2009

Regierung pfeift Gesundheitsverordnung zurück

Es gibt den berühmten Madeira-Wein. Der ist gehaltvoll und süffig. Und es gibt den berüchtigten madeirensischen Hauswein. Der schmeckt wie Essig mit Alkohol. Von seinen Getreuen wird dieser in Wassergläsern ausgeschenkt rote Rebensaft auf Ex gestürzt. Möglicherweise der einzige Weg, ihn hinunter zu bekommen. Der „Vinho Seco“ (trockener Wein, so der offizielle Name) reizt die Geschmacksnerven, darüber hinaus greift er das zentrale Nervensystem des Zechers nachhaltig an. Zu diesem Ergebnis gelangt, wer weniger tief ins Weinglas, stattdessen nüchtern ins Reagenzglas schaut. Toxische Stoffe wurden von Lebensmittelchemikern nachgewiesen. Dies ist der Grund, warum Ende Juni 2009 im regierungsamtlichen Bulletin der Autonomen Region Madeira der Entwurf einer Gesundheitsverordnung zu lesen war, die vorsieht, Produktion und Ausschank des madeirensischen Hausweins effektiv zu kontrollieren. Seitdem rumort es auf der Insel. 

Die Zeitungen sprachen in großer Aufmachung vom Tod des Seco. Erst auf diese Weise erfuhr der Regierungspräsident von der geplanten Verordnung. Der Mann muss fürchterlich getobt haben, kontrolliert er doch eigentlich alles auf der Insel: Von der Bauwirtschaft bis zum Fußball. Dass es jemand wagte und schaffte, an der Zentralgewalt vorbei eine Verordnung im regierungsoffiziellen Organ zu publizieren, die ganze Wählerscharen des Regenten verprellt, ist eine Mischung aus Eulenspiegelei und Kamikaze. In Windeseile wurde die Verordnung gekippt. „Zum Überdenken“, wie es einfallslos hieß. Sodann erhielt der Verantwortliche die fristlose Kündigung. Nach der blitzartigen Schadensregulierung floss der Hauswein auf dem Sommerfest der großen Partei in Strömen. Ein Regierungspräsident prostete seinen Landsleuten in Feierlaune zu und tanzte ausgelassen zu den Rhythmen madeirensischer Folklore. Schließlich stehen Gemeinderatswahlen und die Wahl zum Nationalparlament vor der Tür. Ein mit allen Wassern gewaschener Populist weiß, da schlachtet man vorher keine Heilige Kuh.

Der Seco ist in der Tat ein madeirensischer Mythos. „Porto da Cruz ohne unseren Wein wäre ein Nichts“, beteuert João Ponte. Der Mann führt eine Kneipe oberhalb des pittoresken Ortes an der Nord-Ost-Küste. Wie in allen Kneipen Madeiras, steht eine Glasschüssel, gefüllt mit „edlen Tropfen“ unter der Theke. Ein Glas voll kostet fünfzig Cent. Da kommt so mancher vorbei und stillt mit ein paar Schlucken seinen Durst. LKW-Fahrer halten an und tanken bei laufendem Motor ihren persönlichen Kraftstoff. Andere bleiben am Tresen hängen und leiden mit fortschreitendem Konsum unter Energieverlust. Das hindert nicht, den Hauswein über Alles zu stellen. „Unser Wein wird bei schweißtreibender Feldarbeit und auf allen Festen getrunken. Das ist der Wein des Volkes“, bekundet der Kneipier aus Porto da Cruz und verbreitet damit für die Madeirenser eine Binsenweisheit. „Er verleiht Stärke und Gesundheit.“ Dieser landläufigen Meinung können Lebensmittelchemiker gar nicht zustimmen. Die Fermentation setzt Enzyme frei, die besonders harte Alkoholtypen produzieren, zum Beispiel Methanol. Mehr noch: Die Schale der verwendeten Rebsorte „Americano“ enthält hochgiftige Farbstoffe, die das zentrale Nervensystem angreifen. „Es empfiehlt sich nicht, den Wein in großen Mengen zu konsumieren“, rät der Psychiater Saturnino Silva, Experte auf dem Gebiet des – sehr verbreiteten – Alkoholismus auf Madeira. „Leider ist der Hauswein der billigste Wein weit und breit und erfreut sich deshalb massenhaften Zuspruchs.“

Die gestoppte Gesundheitsverordnung wollte den Vinho Seco aus seinem Versteck unter der Kneipentheke hervorholen. Winzer verpflichtete der Entwurf, ihren Wein pro Jahrgang zur Analyse im Laboratorium vorzuführen. Siebeneinhalb Cent pro Liter würde das Prädikat „unbedenklich“ beziehungsweise „zum Konsum nicht geeignet“ kosten. Wein mit positivem Testergebnis könnte fortan auf dem Tresen wie auf einem Siegertreppchen firmieren. Freilich etwas teuer als gehabt, denn die Vorführung im Labor ist mit einem Aufwand verbunden, der zu Buche schlagen muss. Insgesamt hätte die Analyseauflage den madeirensischen Hauswein merklich verknappt. Denn ein Großteil dessen, was heute im Schatten der Theke dümpelt, landete mit Sicherheit im durstigen Schlund des Ausgusses. Die überraschende Veröffentlichung der Gesundheitsverordnung traf nicht nur den politischen Nerv. Sie stach in ein Wespennest. Das Wespennest ist ein geschichtlich eingespieltes effektiv funktionierendes Netzwerk von kleinen Weinbauern, privaten Winzern, Schankwirten und Konsumenten des offenen Hausweins. Alle Beteiligten wohnen in der Nachbarschaft, jeder kennt jeden. Die Kleinbauern bauen ihre Weinreben nebenher an – unter Bananenstauden zum Beispiel. So verdienen sie sich ein „Zubrot“, wenn sie zur Erntezeit im August ihre Trauben an einen Zwischenhändler verkaufen. Der Zwischenhändler ist gleichzeitig Winzer. Er macht die Trauben zu Wein, den er dann in Kanistern von 20, 30 oder 50 Litern an die Schankwirte verkauft. In seiner Kneipe füllt der Wirt den Seco aus dem Kanister in eine Schüssel ab. Man kann auch als Privatperson zum Winzer gehen, um dort einen leeren „Ballon“ voll laufen zu lassen.

Nicht nur die Lebensmittelkontrolle, sondern auch das Finanzamt sitzen beim Vinho do Povo (Wein des Volkes) keineswegs mit am Tisch. Der rote Rebensaft stiftet eine Volksidentität, die er im exzessiven Konsum auch wieder vernichtet. Flaschenabfüllung ist dem Hauswein fremd. Nicht jede der in dem ländlichen Netzwerk verwendete Rebsorte steht auf der Abschussliste. Americano heißt der Übeltäter. Diese aus Nordamerika stammende resistente Rebsorte pflanzten die madeirensischen Kleinbauern im 19. Jahrhundert an, nachdem eine Reblausplage auch auf Madeira den größten Teil des Bestandes vernichtet hatte.

Der Jacquet kam aus Frankreich dazu und zeigt sich ebenfalls resistent. Zumindest ist seine Traube nicht giftig. In zum Tafelwein gekelterter Form schmeckt der Jacquet genauso sauer wie der Americano. Die beiden Rebsorten auseinander zu halten, wäre sinnvoll. Der Jacquet könnte eventuell den Gesundheitstest überstehen. In der Praxis werden aber als Vinho Seco meist Verschnitte serviert. Der Zwischenhändler nämlich kauft nicht nach Sorten auf, sondern nach Nachbarschaftsangeboten. Ihm ist es egal, welche Sorten der Alberto, Fernando und Alfredo ernten. Es landet sowieso alles im selben Fass.

Die Gesundheitsverordnung ist aufgeschoben wegen der Wahlen aber nicht aufgehoben, so lautet die resignative Grundstimmung der Kleinbauern, die das Ende ihres Nebenverdienstes kommen sehen. In der Tat schreibt die EU-Bürokratie bis 2013 die ausnahmslose Kontrolle aller in der Union feilgebotenen Weine vor. „Die Herren Doktoren in den Laboratorien wissen natürlich genau, wie es um unseren Wein bestellt ist,“ schimpft der Schankwirt João Ponte. „Aber die eigentlichen Kontrolleure sind meine Gäste hier. Wenn der Seco ihnen nicht schmeckte, würden sie ihn ausspucken und nie mehr wiederkommen.“ Verlässt man die Kampfarena und betrachtet aus einiger Entfernung den Sachverhalt, müsste im Falle der Erkrankung eines Zechers die konsumierte Alkoholmenge ins Verhältnis gesetzt werden zu der Menge anderer toxischer Stoffe im Vinho Seco. Wahrscheinlich ist, dass beide Faktoren zusammen die Krankheit verursachen. „Wir wollten mit der Verordnung ja nur erreichen, dass die Kleinbauern bessere Rebsorten anbauen und die alten aufkündigen“, sagte der Verantwortliche für die Gesundheitsreform. Nun hat er selbst die Kündigung erhalten. Wer madeirensische Bauern kennt, weiß, dass diese so schnell nicht umsteigen. Eher gehen sie einen Schritt in die Illegalität und feiern ihr giftiges Gesöff als Widerstrandstrunk gegen die Obrigkeit. Eine torkelnde Revolte, die politisch nicht zu unterschätzen ist.

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