Amnon Tal-Or
Der Friedhof muss erhalten werden, meint Amnon Tal-Or

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Absturz, Umzug oder Sanierung?

11. Juli 2009

Die Existenz des Jüdischen Friedhofs von Funchal steht „auf der Kippe“

Die Kommune dringt darauf, dass er an anderer Stelle neu ersteht. Die Juden hingegen wollen, dass der alte Standort technisch erhalten wird. Wenn nichts geschieht, stürzen bald weitere Gräber des Jüdischen Friedhofs die Steilküste hinab (vgl. Artikel „Madeiras Jüdischer Friedhof“ von Ursula M. Hahn in dieser Zeitung, Rubrik Geschichte(n) 26. Juni 2009)

 

Direkt neben zwei Gräbern klafft ein Abgrund. Der Boden sinkt allmählich ab - auf der gesamten meerzugewandten Breite des Friedhofs. Das bedeutet: Weitere drei Gräber sind mittelfristig vom Absturz bedroht. Die Stadtverwaltung Funchal sieht als Lösung den Umzug aller Grabstätten vor. Der große Friedhof an der Kirche São Martinho, die auf einem Hügel unweit der Autobahn thront, hat noch Plätze frei. „Da wären wir dann inmitten von katholischen Gräbern“, klagt Amnon Tal-Or, ein auf Madeira lebender Jude. „Man bietet uns nicht eine abgeteilte Ecke mit eigenem Charakter an.“ Amnon Tal-Or ( zu deutsch „Morgentau“) kam im Jahre 2003 nach Madeira. Der Kosmopolit hat eine madeirensische Frau geheiratet und betreibt erfolgreich Geschäfte auf Madeira und in der ganzen Welt. „Es waren zwei Rabbiner da; einer aus Israel, der andere aus Frankreich. Wir haben gemeinsam die Lokalitäten besichtigt. Die beiden kamen zu dem Schluss, dass es am besten sei, wenn der Friedhof da bleibt, wo er seit mehr als 150 Jahren liegt.“

Die Stadtverwaltung hat Großes vor im East-End von Funchal. Eine touristische Ausdehnung der pittoresken Altstadt, die auch die Fläche des jüdischen Friedhofs verwertete, wird mit 390 Millionen Euro veranschlagt. Ein solches privat finanziertes Projekt schaffte in knappen Zeiten Arbeitsplätze, steigerte den Kommerz und die Attraktivität der Hauptstadt.

Vor wenigen Wochen war der neue israelische Botschafter aus Lissabon auf Madeira zu Gast. Ehud Gol brachte bei seinem Antrittsbesuch eine Palette von Ideen für den Tourismus mit auf die Insel. Weder dem Botschafter noch Amnon Tal-Or ist geschäftliches Interesse fremd. Aber für den Erhalt des Jüdischen Friedhofs von Funchal brechen beide eine Lanze. Es geht schließlich auch um kulturelles Erbe. „Der Botschafter besuchte mich abends bei uns zu Hause“, erzählt Amnon Tal-Or. „Für mich ist lange schon klar, dass eine Stützmauer vom Strand bis zum Friedhof aufsteigend etwa eine Million Euro kosten würde. Ich habe dem Botschafter meine Idee erläutert und ich glaube, sie hat ihm gefallen.“ Der 56jährige Amnon nimmt genüsslich einen Schluck Kaffee. Und dann legt er los: „Wir stoppen den schleichenden Erdrutsch mit einem Betonwall, der vor dem fließenden Teil des Erdreichs eingelassen wird. Der Wall muss bis zur Straße mit Betonstreben gesichert werden. Die fünf dahinterliegenden gefährdeten Grabstätten ziehen wir auf eine Betondecke, die wir direkt hinter der Eingangstür des Friedhofs errichten. Es wird sozusagen ein erster Stock über dem Parterre errichtet.“ Mit dieser Lösung wären Rabbiner, Botschafter und auch die jüdische Gemeinde von Portugal einverstanden. Für Menschen jüdischen Glaubens ist es wichtig, dass Verstorbene an ihrem Ort bleiben können, wo sie auf die Auferstehung warten. Die Kosten für die Sanierungspläne von Amnon Tal-Or würden um die 50 bis 60 Tausend Euro betragen. „Wir finden, dass die Kommune das bezahlen muss. Denn es ist ja schließlich der Jüdische Friedhof von Funchal.“ Ob sich die Stadtverwaltung dieser Interpretation anschließt, bleibt offen.

Amnon Tal-Ors Vorfahren lebten im spanischen Toledo. Im Zusammenhang mit der Inquisition löste die Kirche auch die „Judenfrage“, sodass seine Familie vor etwa 450 Jahren nach Bulgarien, einige Verwandte sogar bis in die Türkei fliehen mussten. 1950 zogen Tal-Ors Eltern nach Israel um. Umherziehen war Tal-Ors Erbe. „Ich bin früher alle zwei Wochen in ein fremdes Land gereist. Geschäfte machen, aber auch Verwandte treffen. Heute reise ich nicht mehr so gern. Ich werde älter, und da wird man gesetzt.“ Verständlich ist bei der bewegten Geschichte des jüdischen Volkes der Wille, dass die Toten vom Jüdischen Friedhof von Funchal nicht erneut auf Reisen geschickt werden.

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