Jüdischer Friedhof von Funchal
Teile des Friedhofes drohen ins Meer zu stürzen

Druckansicht

Madeiras Jüdischer Friedhof

11. Juli 2009

Die Randlage macht ihm zu schaffen

Von der Altstadt (Zona Velha) führt uns die „Rua do Lazareto“ ostwärts an der Kirche Santa Maria Maior hoch zum ehemaligen Typhus-Lazarett. Nach wenigen hundert Metern ragt gegenüber der Autowerkstatt „Auto Lazer“ ein hohes Tor in den Himmel; dahinter verbirgt sich, abgeschottet und verlassen, der jüdische Friedhof. Die beiden Geschäftsleute Isaac Esnaty und Judah Aloof hatten das Gelände um 1851 für ihre kleine Gemeinde erworben. Der Ort entsprach den damaligen Vorschriften, die festlegten, dass ein Friedhof für Nicht-Katholiken außerhalb der Stadtmauern liegen müsse. 

Die erste Erwähnung fand der Friedhof in den Urlaubsbriefen einer Französin; sie stattete Madeira im Jahre 1851 einen Besuch ab und empfand den Ort als ein Symbol der Toleranz, da den Juden „seit 50 Jahren“ offiziell der Aufenthalt auf der Insel untersagt sei.

Die hell gestrichene Mauer friedet eine Fläche von 21 x 14 Metern ein, die bis zu 34 Grabstätten beherbergen konnte, aber niemals gänzlich belegt war. Früher hing über dem Eingang eine Marmortafel mit den Worten „Haus des Lebens“ in Hebräisch. Sie wurde durch ein Schild an der Tür ersetzt, das den Ort als jüdischen Friedhof in Portugiesisch, Englisch und Hebräisch ausweist. Altehrwürdige, windgebeugte Zypressen überragen die hohen Mauern; mehr ist von außen nicht zu sehen.

Die ersten Juden kamen aus den gleichen Gründen nach Madeira wie andere Ausländer: Das Klima galt als günstig für die Heilung von Lungenkrankheiten. 1940 flüchteten mehrere jüdische Geschäftsleute mit ihren Familien von Gibraltar nach Madeira; sie befürchteten, dass ihre britische Enklave von Truppen des Naziregimes überrannt werden könnte. Ein neuer Gedenkstein hinter der kleinen Kapelle im Santa-Catarina Park erinnert an diese Auswanderer. Später stießen weitere Familien zur kleinen Gemeinde dazu, die vor den Gefahren des Zweiten Weltkriegs geflohen waren. Sie siedelten sich als Wein- und Stickereihändler an und importierten Werkzeuge aller Art aus England. Die Liste der Herkunftsländer ist imposant; die jüdischen Einwanderer kamen unter anderem aus Deutschland, Österreich, den USA, Frankreich, England, Marokko, Syrien und vom portugiesischen Festland.

1853 oder 1854 – der Registereintrag ist nicht präzise datiert – erfolgt das erste Begräbnis nach jüdischem Ritus auf dem Friedhof. Nach dem Studium alter Familiendokumente und Grabstein-Gravuren kam Rui Santos, der Chronist des Friedhofs, zu dem Schluss, dass die erste auf dem Friedhof beerdigte Person eine Frau namens Reina Parente Abudaham war. Einige der aus Gibraltar stammenden Beigesetzten wurden später mit dem Dampfer in ihre Heimat überführt, wo sie ihre letzte Ruhestätte fanden. Heute sind einige Grabhügel eingebrochen und die Inschriften auf den Tafeln nicht mehr zu entziffern. Umgestürzte und beschädigte Grabsteine wurden soweit wie möglich restauriert. Da kein Gärtner Hand anlegt, konnten Tiere und Pflanzen den Friedhof in Besitz nehmen und Bäume nach Belieben wachsen.

Die größte Bedrohung besteht für den Friedhof jedoch in seiner Lage auf der Steilküste hoch über dem „Toco“-Strand. Auf der südöstlichen Ecke lag einst das Grab von Fortunato Abudaham, das bei dem Erdbeben von 1975 wegbrach. Seitdem droht auf derselben Seite das Grab von Ferdinand Schwarzschild den Steilhang hinabzustürzen. Es ist nicht verwunderlich, dass der Ort aus Sicherheitsgründen für Besucher gesperrt wurde.

Auf Madeira existiert keine aktive jüdische Gemeinde mehr; die letzten Mitglieder haben die Insel vor Jahrzehnten verlassen. In einem Gebäude in der Rua do Carmo, das früher als Synagoge diente, sind heute eine Wäscherei und ein Café untergebracht, aber den alten David-Stern kann man noch in einem der Fenster erkennen. Der Friedhof und alle weiteren jüdischen Belange der Insel stehen heute unter der Ägide der jüdischen Gemeinde von Lissabon. (Einige Zuwanderer jüdischen Glaubens haben sich in den vergangenen Jahren auf Madeira niedergelassen. Einer von ihnen wird in einem Folgeartikel vorgestellt. Anm. der Redaktion)

Jeder regenreiche Winter und die Möglichkeit neuer Erdbeben beflügelten die Idee, den Friedhof mit allen Rücksichtnahmen in eine Ecke des Friedhofs von São Martinho zu verlegen. Hierbei sind aber Regeln einzuhalten, denn nach dem jüdischen Glauben erstehen die Verstorbenen dort wieder auf, wo sie begraben liegen. Eine glaubensgerechte Verlagerung der Grabstätten setzt demzufolge die gründliche Kenntnis und Befolgung jüdischer Rituale voraus. Hierzu müssten zwei Rabbiner anreisen, die die Umsiedlung der Gräber allen Regeln entsprechend inszenieren könnten. Da aber die Lösung mit São Martinho für die Fachleute nicht zufriedenstellend war, steht nun noch offen, was aus dem Friedhof wird.

Warum verließen die jüdischen Familien Madeira, und wo leben sie heute?

Die Familie Abudarham war die erste, die auf das portugiesische Festland zog, um von dort Handel zu treiben; die anderen Gemeindemitglieder folgten später. Die Erinnerung an diese kleine, aber dynamische Gemeinde von Händlern, die Madeira belebten und bereicherten, ist uns jedoch erhalten geblieben, und wir sollten sie nie vergessen.

Leserbriefe

Keine Leserbriefe vorhanden

Leserbrief schreiben

Mit Sternchen (*) gekennzeichnete Formularfelder müssen ausgefüllt werden.