Topf ohne Deckel
Eine Tasche?

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Nische, Balken und Viertel-vor-Drei

8. Juni 2009

Portugiesisch für Quereinsteiger

„Klingt irgendwie osteuropäisch“ oder „Verstehe nur Bahnhof“. Viele deutschsprachige Feriengäste kommen mit dem Portugiesischen überhaupt nicht klar. Dabei gibt es eine Vielzahl von gemeinsamen Wörtern in beiden Sprachen, die aber beim Pendeln zwischen den Sprachräumen ihre Bedeutung leicht wandeln können. 

Im Fußball fasst man sich an den Kopf. Ecke heißt in Portugal canto (meinen die etwa Kante?), und beim Pokalendspiel geht es um die taça (gesprochen tassa). Die Abseitsfalle könnte man als finta (= Finte) bezeichnen. Das würde man im Deutschen auch so sagen. Nur dass portugiesisch finta in erster Linie eine Steuer-Umlage bezeichnet. Über die brasilianischen Telenovelas kommt dann die zusätzliche Bedeutung von Finte oder Täuschung nach Portugal. Das Verb fintar meint besteuern, aber auch hinters Licht führen, ergaunern, schnorren. Mit dieser Bedeutungsvielfalt wird die Volksmentalität naturgetreu abgebildet. Portugiesen sind, wie man unschwer sieht, schlechte Steuerzahler. Andere gleichlautende Worte sind nicho; zu deutsch Nische, Fach oder Futterkrippe. Oder tacho (gesprochen tascho). Hierbei verschiebt sich die Bedeutung im Portugiesischen zu Koch-Topf. Wenn wir im Deutschen sagen: „Die Bundeskanzlerin steht mit leeren Taschen da“, würde die Benutzung desselben Wortes in der portugiesischen Übersetzung bedeuten: „Frau Merkel hat nichts in ihrem Kochtopf.“ Man merkt, dass Portugal ein konservatives Frauenbild pflegt. Mit dem Balken besitzt das Deutsche einen Exportschlager. Vielleicht war es der Donnerbalken, auf dem sich die Deutschen im Mittelalter international Gehör verschafften. Französisch balcon, italienisch balcone und portugiesisch balcão gehen auf das deutsche Substantiv zurück. Während französisch balcon mit neuer Bedeutung als Re-Import im deutschen Sprachraum landet, gewinnt portugiesisch balcão eine zusätzliche Bereicherung. Das Wort kann auch Schalter oder Klappe bedeuten.

Für Bildungsbürger interessant sind die Wörter Dada und Jazz. Dada begann bekanntermaßen auf der Spiegelgasse in Zürich. 1916 vermerkt Hugo Ball zur Namensgebung der Kunstbewegung: „Dada heißt im Rumänischen Ja Ja, im Französischen Hotto- und Steckenpferd. Für Deutsche ist es ein Signum alberner Naivität und zeugungsfroher Verbundenheit mit dem Kinderwagen.“ Der Dadaist lässt sich vom Zufallsprinzip leiten. Nicht zufällig aber heißt dada im Spanischen und Portugiesischen gegeben. Als Dada plötzlich in Zürich da war, war dieser Auftakt kurze Zeit später als Kunstrevolte europaweit gegeben. Professor Unrat würde dada als Partizip Perfekt Singular Femininum vom Verb dar (geben) bestimmt haben. Ein anderes vagabundierendes Wort ist Jazz. Niemand weiß, woher es stammt. Portugiesisch jaz heißt er liegt oder sie ruht. Oft ist der Ruheort ein Friedhof. Dorthin würde When The Saints Go Marching In von Louis Armstrong passen. Aber wer vermutet schon eine solche Wortbedeutung von Jazz bei einer Musik, die in der Regel eher unruhig klingt. Portugiesisch mit Überraschungseffekt! Wahrscheinlich nur bloße Spekulation .... Zum Schluss einige Verschrobenheiten des Portugiesischen. Verballhornungen sind ein beliebtes Feld. Freilich immer bierernst. Die Schrottlaube heißt – zumindest im Madeira-Dialekt – calambeque (gesprochen kalombeck). Ein Anklang an Cadillac ist unverkennbar. Oxalá (gesprochen Ohschallah) heißt hoffentlich. Im Mittelalter hielten die Araber Portugal lange Zeit besetzt. Irgendetwas scheint da hängen geblieben zu sein.

„Es ist fünf vor zwölf.“ Die Übersetzung dessen würde kein Portugiese verstehen. Was für uns ebenso unverständlich, ist der Satz „Er trägt einen Viertel-Vor-Drei“ (um quarto para as três), gemünzt auf einen Mann mit Fliege. Das ist umgangssprachlich und trifft genau. So wie der Fliegenträger als Rucksacktourist plötzlich ein ganz anderer ist, können Wörter im Portugiesischen bedeutungsmäßig in verschiedene Richtungen davon galoppieren. Es kommt darauf an, in welchem Kontext sie stehen. Terra heißt nicht nur Erde oder Land, es heißt auch Heimat. A minha terra, da komme ich her. Wer jemanden in dessen Heimatstadt Lissabon zum Beispiel besuchen will, sagt: „Vou na tua terra“. Ich gehe auf deine Erde. Auch wenn die Terra – Erde von Lissabon eine reine Steinwüste ist. Bei jeito wird es ganz verrückt. Jeito heißt Ruck, Griff, Kniff, Geschick, Angewohnheit, ungeschickte Bewegung, Gesichtszug, Art und Weise, Anschein. Je nachdem. Ela tem jeito para as flores – sie hat ein Händchen für Blumen. Ter jeito bedeutet auch Bock haben. Eine andere Redensart ist „Vou dar um jeitinho“. Nun kommt die Verkleinerungsform inho ins Spiel. Wenn die Portugiesen diese Form wählen, wird es meist Ernst. Wie bereits gesagt, verstünde kein Portugiese „Es ist fünf vor zwölf“. Faktisch ist es bei dem Satz „Vou dar um jeitinho“ - „Ich gebe der Sache einen kleinen Dreh“ eigentlich immer schon „fünf nach zwölf“. Die Portugiesen gelten in Europa als zuverlässige Arbeitskräfte. Sie sind es auch, bis auf diejenigen Ausnahmen, die mit besagtem Satz Pfusch leisten wollen, wo eigentlich nichts mehr zu retten ist. In solcher Situation fehlt auch dem Sprachkundigsten oft die Sprache. - Egal ob Quer- oder Seiteneinsteiger, oder von der Pike auf gelernt. Man richtet dann am besten den Daumen gen Himmel, bei geballter Faust. Das passt immer in Portugal, ob einem „Fröhliche Weihnachten“ gewünscht wird, nach einem Blechschaden oder wenn bäuerliche Nachbarn vom Ferienhaus oder vom kleinen Landhotel eine Geschichte auf der Straße zu erzählen beginnen, von der man nichts versteht. Der Daumen richtet dann alles und zeigt den Weg in eine „Nische“, in der Sprachlosigkeit geradezu beredt ist.

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