Bauer  aus Livramento
Eigentlich ein Paradies....

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Landflucht

7. Mai 2009

Das Dorfleben verödet. Mit buntem Treiben lockt die City.

„Hier gibt es keine Frauen mehr zum Heiraten“, klagt Nuno Ferreira, 27, aus Arco de São Jorge an der Nordküste. Für seinen 42 Jahre alten Onkel João ist der Zug längst abgefahren. „Mit Landwirtschaft und Schweinemast komme ich auf keinen grünen Zweig. Wie soll ich da einer Frau was bieten? Außerdem sind die Mädels vom Land sowieso hinter den Schnöseln aus der Stadt her.“ Gerade einmal zwei Geburten verzeichnete das 500-Seelen-Dorf in 2008. Der Einwohnerschwund in den vergangenen zehn Jahren liegt über zwanzig Prozent. Für Ribeira da Janela – das ist ein 200-Seelen-Flecken im Nordwesten Madeiras – erhöhte das zuständige Rathaus die Geburtsprämie von 100 auf 500 Euro. Vergeblich. Das letzte Baby kam vor drei Jahren zur Welt. Auf den Dörfern Madeiras ist „tote Hose“. Auch im übertragenen Sinn. So sieht es ein Großteil der Landbevölkerung und zieht weg. Nur die Alten bleiben. Diejenigen mittleren Alters, die den Absprung verpassen, greifen nicht selten zur Flasche. Und von den Landjugendlichen sehnen sich einige danach, von Drogendealern mit chemischen Aufhellern aus der vermeintlichen Trostlosigkeit herausgeholt zu werden. 

Auf der „Insel des ewigen Frühlings“ liegt ein langer Schatten. Die Lebensbedingungen der Landbevölkerung verschlechtern sich drastisch. Zahlreiche Kleinbauern halten dem Preisdumping der Supermärkte nicht stand. Nur noch Ältere bewirtschaften die winzigen Parzellen. Die Jungen rümpfen über die „Drecksarbeit“ die Nase und kaufen schadenfroh die billigen Produkte der spanischen Agrarfabriken. Nur noch der Wein und die hochsubventionierte Banane bringen etwas ein. Die Anbauflächen dieser Früchte sind klimatisch eingeschränkt. Von der Ernte profitieren in der Regel wohlhabende Plantagenbesitzer. Tagelöhner, die nach Bedarf beschäftigt werden, erhalten 40 Euro plus Mittagessen für neun Stunden harter Arbeit. Wer erkrankt, wird vom Sozial-und Gesundheitsdienst notdürftig versorgt. Mit dem Anbau von Rohrzucker lässt sich quasi nichts mehr verdienen. Auf einen staatlichen Zuschuß zum Dünger warten die Bauern seit langem vergeblich. Madeiras Handwerksklassiker laufen aus. Stickereien kommen aus der Mode. Auch die Korbflechter von Camacha verlieren Kundschaft. Dem zufolge bereiten in Boaventura nur noch zwei alte Männer die benötigten Weidenzweige vor. Ein Handwerkszweig, der ganze Familien ernährte, bricht ein. Noch ein Handwerk geht verloren: der Schneckenfang an den Felsen von Jardim do Mar und Paul do Mar wurde behördlich reglementiert. Die Lapas, so der Name der besonderen Spezies, werden vor der Ausrottung geschützt. Eine harte Realität für jüngere Menschen, die sich mit dem Lapas-Sammeln ihren Lebensunterhalt verdienten. Heute sitzen Sammler und Sammlerinnen voller Ingrimm in den Dorfkneipen. - Herumsitzen kann allerdings auch Gemeinschaft stiften. Senhora Olga aus Lombo de Salão im Westen der Insel beklagt: „Früher saßen die Nachbarn am Feierabend oder Wochenende beisammen an der Dorfstraße, redeten und scherzten. Die Stimmung war gut. Heute sitzt jeder einzeln in seinem Auto und fährt los.“ Die Schnellstraßen, die gebaut wurden, entstrukturieren das Landleben. Die Dorfbewohner stoppen nunmehr die Minuten, die sie im modernen Straßennetz einsparen, um die Inselhauptstadt oder zumindest einen Bankautomaten in der nächstgelegenen Stadt zu erreichen. So kommen sie zwanzig Minuten oder gar eine Stunde schneller in der „schönen neuen Welt“ an. Die Schnellstraßen entkernen ehemals geschlossene Ortschaften. Zum Beispiel wird die „Via Expresso“, die zwischen Boaventura und Arco de Sao Jorge entsteht, die Schließung der Vorschule in Arco mit sich bringen. Die siebzehn Schüler im Alter um die fünf Jahre werden dann mit Bussen ins nächstgelegene Schulzentrum gekarrt. Das Leben auf dem Land beginnt für die Kleinen schon als „Road-Movie“. Die Weichen für deren Biographie sind gestellt. Kindergeburtstage im Fastfood-Restaurant des Shopping-Centers, nur eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt. Disco-Besuche später führen „raus aus dem Dorf“, wo nur die Deppen bleiben. Wer sein Leben zu meistern meint, der zieht dann als junger Mensch in einen der uniformen Apartment-Blocks, die am Rande der madeirensischen Städte aus dem Boden schießen. Funchal explodiert. In der Hauptstadt Madeiras leben ohnehin schon zwei Drittel der Inselbewohner. Der Zuzug ist immens. Mit der Überbevölkerung des stickigen Talkessels gehen Gereiztheit, Verarmung, Überfälle und Diebstahl Hand in Hand. Tatsächlich kannte Madeira, einschließlich Funchal, vor 15 Jahren so gut wie keine Kriminalität. Die Reiseführer, die dies schrieben, hatten Recht. Heute ist die Situation anders, wenngleich nicht mit Amsterdam, Frankfurt oder New York zu vergleichen.

Es gibt auch Gegentrends. Apothekerin Nidia zum Beispiel. Die junge Frau stammt aus Porto da Cruz an der Nordostküste. Sie studierte im nordportugiesischen Porto Pharmazie. „Ich wollte eigentlich nie mehr zurück.“ Nidia gehört heute die Apotheke im 2800-Seelen-Dorf. Die Geschäfte gehen nicht schlecht für die „Filha da Terra“ - die Tochter, die in ihre Heimat zurückfand. Paulo arbeitet als Portugiesischlehrer in dem schmucken Ort. Die Hälfte aller Lehrer von Porto da Cruz kommen von Festland-Portugal herüber. „Zuerst war ich zwei Jahre lang in Funchal. Mir gefiel es da nicht. Laut, eng, stickig. Da riet mir meine Frau, die schon lange Lehrerin in Porto da Cruz ist, mich hierher zu bewerben. Ist viel schöner hier.“ Porto da Cruz besitzt gemütliche Gaststätten, in denen die fremden Lehrer behaglich zu Mittag oder zu Abend essen. Festlandportugiesen gelten auf Madeira als halbe Ausländer. Die örtliche Gastronomie profitiert von den Zugereisten wie auch von den Touristen, die den pittoresken Ort aufsuchen. Pão de Santana heißt eine Brotfabrik an der Nordküste. Das Unternehmen hat zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen. Seinen Erfolg verdankt es der Logistik. Diese entfaltet sich auf dem Schnellstraßensystem der Insel. Jeden Morgen um 5h30 werden 270 Brote nach Funchal ausgeliefert. Sie erreichen die Hauptstadt lange bevor die Geschäfte öffnen. Das wäre vordem nicht möglich gewesen. Calheta erhielt ein außergewöhnliches Museum für zeitgenössische Kunst, und der Priester von Prazeres, auf der Steilküste über Jardim do Mar und Paul do Mar gelegen, setzt dem noch eins drauf. Er eröffnete im April 2009 eine Mini-Galerie neben seiner Kirche. „Von der Landbevölkerung traut sich doch keiner ins Museum von Calheta rein. Bei uns hier neben der Kirche ist die Schwelle niedrig“, sagte Rui Sousa anlässlich der Eröffnung der ersten Ausstellung. Der Priester hat vor Jahren schon einen Mini-Zoo an die Kirche angegliedert – die Quinta Pedagogica. Sie setzt die vitale Natur dem Trend zur Urbanisierung des Landes entgegen. Auch die sportlichen und kulturellen Aktivitäten im Landleben Madeiras sind effektiv und flächendeckend. Selbst in entlegenen Gegenden rekrutieren Sportclubs Jugendliche für Tischtennis, Badminton und Fußball, verbunden mit einem gut funktionierenden Abhol- und Bringdienst. In Konservatorien für Musik und Kunst erteilen überall hervorragende Lehrer aus dem Klassischen Orchester Madeira Klavier-, Violin-, aber auch Schlagzeugunterricht zu Minimalpreisen.

Den Verlockungen und Illusionen des City-Life halten diese Angebote nicht stand. Viele Landgemeinden träumen von einer neuen Ertragsquelle, die zukunftsträchtig sein soll. Der Traum heißt Túrismo Rural – zu deutsch Tourismus auf dem Land. De facto existiert bereits ein Verein „Madeira Rural“, der mit Hochglanzbroschüren Edel-Behausungen auf dem Land vermarktet. Die Buchungserfolge sind mäßig. Der Service kommt Anbieter wie auch Feriengäste teuer zu stehen. Insgesamt ist „Madeira Rural“ zu aufwendig und im Marktverhalten zu ungelenk konzipiert. Den dörflichen Siedlungen Madeiras kann nur eine Graswurzel-Revolution helfen. Effektiv wäre die staatlich geförderte Herrichtung leerstehender alter Bauernhäuser zu einfachen und preiswerten Ferienunterkünften, was Maurern, Malern, Dachdeckern, Klempnern, Zimmerleuten und vielen anderen Arbeit verschaffte. Ferienhausgäste kaufen gern in nahe gelegenen Lebensmittelläden. Die wiederum verkaufen die Obst- und Gemüseernten der Kleinbauern aus der Nachbarschaft. Das alles dynamisiert die Infrastruktur und bringt Leben aufs Land. Genauso wie etwa die Schaffung eines Netzes von Bed-and-Breakfast-Stationen an den 2000 Kilometer langen Levadawegen. Dieses Netz dürfte aber nicht Großinvestition einer finanzstarken Firma sein, sondern die Summe vieler Einzelinitiativen mit staatlicher Unterstützung. Wanderer, die abends in einem sauberen einfachen Unterschlupf ankommen, haben Hunger. Ein kleines uriges Restaurant nebenan könnte Fisch und Salat anbieten, dazu ein kühles Bier, Wein oder selbst gepresste Fruchtsäfte. Auch hier wären vielerlei Dienstleistungen involviert. Lebendige Infrastruktur entstünde im Schneeballsystem.

Solche Versuche einer dynamischen Trendwende auf dem Land werden von der gegenwärtig amtierenden Bürokratie Madeiras ausgebremst und von den großen Hoteliers der Insel beargwöhnt. Andere südeuropäische Länder sind da schon weiter – Italien oder Griechenland etwa. Der Traum des Turismo Rural birgt ein großes Potential. Die Insel ist grün und ihre ländlichen Regionen sind ihr Kapital. Aufgabe der Verantwortlichen wäre es, die Insel in dieser Hinsicht zu profilieren. Das Prädikat „grün“, eventuell sogar „öko“ würde Madeira attraktiver machen und Lebensgeister aufs Land zurückholen. Die Zentralregierung Portugals ist flexibler als die madeirensische Administration. So wurde per Gesetz die Lizenzierung von Ferienunterkünften (alojamento local) wesentlich vereinfacht. Ferner macht Lissabon zehn Millionen Euro für den Turismo Rural auf Madeira locker. Mit dem Geld werden alte Wanderwege wieder hergestellt, aber auch Nobel-Herbergen gefördert. Es bleibt zu hoffen, dass kleine Interessenten und Anbieter einen Batzen abbekommen. - Auch auf Madeira gibt es Vorreiter der Idee eines authentischen Land- und Natururlaubs. Der Bürgermeister von Porto Moniz zum Beispiel. Der nordwestlichste Ort der Insel kennt seit Jahrzehnten die Bedürfnisse erdverbundener Touristen. Das liegt am einzigen Campingplatz Madeiras, der in Porto Moniz beheimatet ist. Nicht an erster Stelle mit der Schnellstraße wartet der Bürgermeister des Ortes auf, sondern mit der Vision einer Meerespromenade, die zu jeder Jahreszeit begehbar ist. Der Mann hat begriffen, dass das Leben auf dem Lande nicht mit dem Tempo der City mithalten muss.

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