afrikanische Gene?
Der Einfluss nordafrikanischer Urahnen ist unverkennbar

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Madeira ist Afrika!

19. Februar 2009

Uni entdeckt: Madeirenser haben afrikanische Gene

Bei dieser Entdeckung schaltet das Inselvölkchen sofort auf Durchzug. Nichts verdrängen die Madeirenser mehr als ihre Nähe zu Afrika. Deshalb markieren die geografischen Faltkarten der Tourismus-Behörde zwar die Routen von den Kanaren, Azoren und von Lissabon nach Madeira. Die Kurzstrecke übers Meer zum nächsten Nachbarn Marokko ist hingegen nicht gekennzeichnet, weder als Punktlinie noch durch Kilometerangabe. Geradezu ein Tabu-Thema ist, dass viele Madeirenser Nordafrikanern „wie aus dem Gesicht geschnitten“ sind. Frauen mit flacher Stirn, olivfarbenem Teint und dunklen, dicken Locken, Männer mit Kraushaar und wulstigen Lippen findet man selbst im entferntesten Dorf der Insel. „Sag keinem: Bei dir ist was vom schwarzen Kontinent mit drin. Du machst dir einen Todfeind!“ warnt eine bodenständige Kennerin der Szenerie hinter vorgehaltener Hand. Genau diese „Ungeheuerlichkeit“ schlägt aber nun die heimische Universität in Funchal der Bevölkerung Madeiras um die Ohren. Ein Skandal, den man auf der Insel effektiv und nachhaltig ignoriert. 

Wieso entdeckte die Universität von Madeira eine madeiratypische „Einzigartigkeit genetischer Merkmale“? Die Antwort ist einfach. Knochenmarkspender wurden gesucht. Die Medizin benötigt dafür die Kompatibilität von Spender und Empfänger. „Studien des Labors für Humangenetik in den vergangenen 10 Jahren haben ergeben, dass das für die Transplantationen relevante Zellmaterial von Madeirensern sich grundlegend von dem der Festlandportugiesen unterscheidet. Die Differenz ist dem Einfluss afrikanischer Gene geschuldet,“ erklärt Helder Spinola, Forscher und Koordinator des Zentrums für Knochenmarkspenden in Madeira. „Fragt man Daten vom Festland ab, passt vieles nicht mit uns zusammen. Aber hier auf der Insel haben wir bei Spender und Empfänger in den meisten Fällen gleichgeartete Zellstrukturen.“ Die „Afrikanisierung“ Madeiras begann mit der Einschleppung von arabischen und schwarzen Sklaven. Bei ihrer Freilassung erlebten die Sklaven unterschiedliche Schicksale. Die Schwarzen wurden als „personae non gratae“ in ihre Heimatländer zurück geschickt, während die Araber eine Art Duldung erfuhren. Man gab ihnen die unzugänglichsten Stellen der Insel als Ackerland. Noch heute sieht man Terrassen an Berghängen, wo kein Mensch sich unter normalen Umständen hintraute. Darauf gestatteten die madeirensischen Herren den arabischen „Untermenschen“ für ihr eigenes Auskommen zu sorgen. Im Laufe der Jahrhunderte schafften es die Missachteten, das Kains-Mal zu verlieren, einzuheiraten, ihre Herkunft durch Nachkommenschaft „aufzubessern“, ein- und aufzusteigen in ihrer neuen Heimat.

Die ehemaligen Sklaven fanden vielfältige Wege der Integration in ein Volk, das sich größtenteils aus Bauern des portugiesischen Nordens und Adligen aus dem Alentejo zusammensetzte. Natürlich gab es auch in Festlandportugal afrikanische Sklaven, aber bei der zahlenmäßig kleinen Inselpopulation Madeiras wirkte die afrikanische „Infiltration“ intensiver.

Madeira ist ohnehin ein „Melting-Pot“ von Portugiesen, Flamen, Engländern, Franzosen, Iren und anderen. Und so verwundert es Außenstehende nicht, dass auch afrikanische Gene im Zellgewebe vieler Madeirenser vorkommen.

Als nach der Nelkenrevolution von 1974 sich die madeirensischen Kontras zu einer Separatistenorganisation zusammenschlossen, sandte der libysche Staatschef Ghadaffi eine Petition ans portugiesische Parlament in Lissabon: „Entlasst Madeira in die Freiheit. Die Insel gehört nicht zu Europa, sie ist Teil von Nordafrika.“ Geographisch hatte Ghadaffi völlig Recht. Genetisch scheint er nunmehr auch nicht ganz falsch zu liegen.

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