Levada läuft über - mitten im Dorf
Ungenutzt läuft das Levada-Wasser zu Tal

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Gib Gas, Levadeiro!

3. August 2008

Wasserknappheit drängt zur Eile

Auf Levadawanderungen begegnet man ihnen gelegentlich. Mit einer Sichel über der Schulter und oft in Begleitung eines schnüffelnden Hundes gehen die Hüter der Wasserkanäle ihre Strecke ab. Ihr freundliches Nicken ist einer der Mosaiksteine in der Erinnerung an die Levadawanderungen, genau wie die meckernde Ziege am Wegesrand und wie leider auch der hässliche Haushaltsmüll am Abhang. Doch den Levadeiros wird man in Zukunft seltener begegnen. Denn sie werden gegenwärtig auf Motorräder gesetzt. Viele von ihnen düsen nur noch in ihrem Distrikt umher. 

Der Grund für die „Motorisierung“ der Levadeiros heißt Wasserknappheit. Bei der Übergabe von weiteren Dienstmotorrädern an Kanalwächter zwischen Calheta und Santa Cruz (Gesamtbestand inzwischen 63 Fahrzeuge) zeichnete der Regionalsekretär für Umwelt und Natur ein dramatisches Bild: „Die Niederschlagsmenge liegt in diesem Jahr, sofern es nicht noch zu exzessiven Regenfällen kommt, weit unter dem gewöhnlichen Jahresmittel. Wir müssen mit 50 Prozent weniger Wasser wirtschaften.“ Damit den madeirensischen Bauern der Wasserhahn nicht ganz zugedreht wird, will die Regionalregierung in einem Sommeraktionsprogramm den Berufsstand des Levadeiros durch Neueinstellungen dynamisieren und die insgesamt 317 Dienstleute zu einer schnellen Truppe aufrüsten.

Levadeiros gehen weite Wege. Sie müssen sowohl Wasserzuleitungen von den Höhenlevadas in den Großtank ihres Distrikts einspeisen, als auch den Hahn des Großtanks für einen genau bemessenen Zeitraum aufsperren, um „Água de Giro“, also das von Bauern abonnierte Wasser, auf den Weg zu bringen. Vorher haben sie an der Verteilerstelle die Weichen für diejenigen Zonen ihres Landwirtschaftsgebietes gestellt, die mit der Bewässerung „dran“ sind. Ein Bananenbauer hatte bis dato Anspruch auf vierzehntäglich zehn Minuten bis zu einer Stunde Wasserzuleitung. Je nachdem, was er bestellt und bezahlt hat. Danach kommt der Nachbar zum Zuge. Der Levadeiro tut gut daran, so oft wie möglich vor Ort zu überprüfen, dass alles nach Plan läuft. Die Bauern gehen mitunter mit Sicheln aufeinander los, wenn, einer den anderen „beklaut“. Im Juni wurde ein Levadeiro selbst zum Opfer, den ein Bauer bezichtigte, ihn um das flüssige Gold betrogen zu haben. Der Levadeiro fand nicht mehr die Zeit, auf seinem Dienstmotorrad das Weite zu suchen, sondern landete mit Stichwunden im Krankenhaus. Außerdem überbringen die Levadeiros den Abonnenten meist persönlich den Zuteilungsplan der Folgewoche. Da das Wasser knapp geworden ist, erhalten die Bauern ihre Zuteilung nicht mehr vierzehntäglich, sondern nur noch alle 20 Tage, also nicht mehr immer am selben Wochentag. Der jetzt monatlich variierende Plan muß den Abonnenten vom Levadeiro jedes Mal neu erklärt werden. Die Levadeiros sind tatsächlich viel unterwegs, und da hilft ihnen ein Motorrad ganz gewiss. Die Wasserknappheit selber macht aber das Motorrad nicht wett. Die Motorisierung bringt keinen einzigen zusätzlichen Wassertropfen ins Netz. Es scheint, dass Madeiras Regierung mit der Motorisierung der Kanalhüter einem gravierenden Zukunftsproblem mit bescheidenem Aktionismus begegnet. Dazu gehören auch die Reparaturarbeiten an der Levada dos Tornos. Dieser Levada kann man im Norden am Kraftwerk von Nogueira begegnen und dann auf der Südseite von Monte aus Richtung Gaula. Der 106 km lange Kanal wurde erst 1966 in Betrieb genommen, war aber schnell reparaturbedürftig. Da es früher keinen Wassermangel gab, gingen die Reparaturen nicht ordentlich vonstatten. Nun wird die Levada endlich saniert, damit kein Wasser mehr verloren geht. Auch ein natürlicher Kratersee im Gebirge nordöstlich der Hauptstadt, der im Winter Regenwasser aufsammelt, das im Laufe des Sommers aber versickert, wird nun abgedichtet. So will man über Monate den Wasserspeicher nutzen.

Ein für den Außenstehenden unverständlicher Fakt ist, dass das wertvolle Naß nicht aufgesammelt wird, wo es nutzlos und massenhaft ins Meer fließt. Das ist auf Madeira an allen Ecken und Kanten der Fall. Man reibt sich die Augen, wenn man sieht, was die Autoritäten Madeiras an Wassermenge in Bächen, Rinnsalen, Wasserfällen verloren gehen lassen und demnächst das hohe Lied des Wassermangels anstimmen werden. Da werden manchmal ganze Ortsteile überschwemmt, ohne dass sich eine Hand regt. Wasser auffangen, in Reservoirs sammeln und mit Pumpen auf die Höhe bringen, wo Wasser in der Landwirtschaft fehlt, wäre die stringente Lösung moderner Wasserwirtschaft. Doch der oberste Chef der staatlichen madeirensischen Levadas, Paulo Jervis, erklärt lapidar: „Die meisten dieser zu Tal strömenden Wassermengen gehören Privatpersonen. Da haben wir keine Zugriffsmöglichkeit.“ In der Tat ist das geschichtlich gewachsene Levadasystem Madeiras ein kompliziertes Ineinander von Privat und Öffentlich. Bedenkt man aber, mit welcher Skrupellosigkeit die Inselregierung den Grund und Boden von Privatpersonen enteignet, wenn öffentliches Interesse am Straßenbau besteht oder fingiert wird, fragt man sich, warum nicht auch privates Wasser enteignet wird, wenn öffentlich Wassermangel angezeigt wird. Entweder hat die Regierung das Zukunftsproblem noch nicht ganz erkannt, oder sie meint, die Levadeiros könnten auf ihren Motorrädern doch noch das Steuer herumreißen.

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