Klassisch ausgespäht, in friedlicher Absicht

14. April 2008

Wal in Sicht!

Früher stand der Späher auf einem Berg oberhalb von Caniçal, dem Walfängerort. Sobald er seine Rakete abgeschossen hatte, stürmten Boote aus der Bucht hinaus aufs Meer, den gesichteten Wal zu töten. Seit einiger Zeit lauert wieder ein Späher hoch oben auf dem Berg. Mit modernem Equipment versehen: Ferngläser, die die Weite des Meeres entdecken; und anstelle der Feuerwerkskörper ein Anruf über Handy: „Ein Pottwal, so scheint es, bei 278!“ Für die Späherin Claudia Gomes noch unsichtbar geht die „Ribeira Brava“ auf Kurs, dreht voll auf. Eine Harpune hat der Kapitän nicht in Anschlag. 

Claudia Gomes und ihr Mann Rafael haben sich im vergangenen Jahr zwei Ferngläser zugelegt. Die Dieselkosten ihres Whale-Watching-Bootes stiegen und steigen immer noch ins Unermeßliche, so dass das Paar nach einem Weg suchte, die Strecken zu verkürzen, die das Boot auf dem Meer zurücklegt. Anstelle der Suche auf gut Glück in ergiebigen Gebieten wird nun das Boot von höherer Stelle dirigiert. Das spart Treibstoff und optimiert den Erfolg. Per Handy hatte Claudia ihrem Mann die Position eines Pottwals mitgeteilt. Dazu mußte die Vierundvierzigjährige von dem auf ein Stativ montierten Fernglas auf das kleinere Hand-Glas umschwenken. Denn nur dieses besitzt einen ins Sichtfeld integrierten Kompaß. Rafael erhält mit der Angabe des Winkels, aus dem Claudia das Tier sichtet, einen kleine Rechenaufgabe. Mit Claudias Aussichtspunkt im Visier und der Angabe des Winkelmaßes errechnet der Kapitän, in welche Richtung er losfahren muß. Höhere Mathematik auf nicht so hoher See! Aber während des Wechsels vom Stativglas auf das Handglas ist Claudia der Pottwal weggetaucht – sie hatte zunächst einmal das Meer nach dem Boot ihres Mannes abgesucht: „Wo steckst du eigentlich?!“ Die Boote sehen in fünf oder zehn Kilometern Entfernung vom Ufer alle gleich aus: punktförmig. Da muß Frau ein bißchen suchen, um den eigenen Mann auf den Punkt zu bringen. Kein Wunder, daß ein Pottwal in aller Ruhe verschwinden kann...Für zwanzig Minuten kann so ein großer Wal ohne weiteres abtauchen, sagt Claudia etwas konsterniert. Inzwischen steht sie wieder am Stativ und sucht die Oberfläche der See mit dem großen Fernglas ab. So entgeht ihr nichts, denn das Instrument vergrößert mit 20 x 80, viel stärker als jedes Wander- oder Hobbyfernglas.

Währenddessen schimmert das Meer unterhalb des Aussichtspunktes petrolfarben. Ein Falke gleitet ohne jeden Flügelschlag am Felshang entlang. Sein braunes Gefieder setzt einen Kontrapunkt zur Farbe des Meeres.

Diese Beobachtungen locken den Pottwal allerdings nicht zurück an die Wasseroberfläche. Claudia verschärft das Szenario: „Im Extremfall kann so ein Pottwal 3000 m tief tauchen. Dann ist er für zwei Stunden von der Oberfläche verschwunden.“ Derweil verfolgt Rafaels Boot drei Sturmvögel, die schnurstracks auf ein vermeintliches Ziel zufliegen: „Fische in Sicht“ Wo sich ein Fischschwarm findet, sind die Wale oft nicht weit. Aber auch diese Spekulation bleibt diesmal ohne Ergebnis. Das Boot dreht ab.

Die zwölf Passagiere an Bord jauchzen aber auf, als ihnen urplötzlich eine Gruppe von Delfinen begegnet. Die Tiere springen förmlich ums Boot herum. Ein Tanz auf dem Meer. Erleichtert packt Claudia Gomes die Ferngläser und das Stativ ein. „Wir haben eine Erfolgsquote von weit über 90%“, sagt die gebürtige Kölnerin in rheinischer Leichtfertigkeit und lacht. Diesmal war es knapp. Aber die Wale sind da – und die Begegnung mit den großen Meeressäugetieren lohnt jede Mühe. Wer mitfahren will, findet weitere Informationen bei http://www.lobosonda.com

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