Weintrauben
Weintrauben reifen im Januar

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Mitten im Januar wachsen Weintrauben

25. Januar 2008

„Frühlingseinbruch“ auf Madeira

Bauer Antonio traut kaum seinen Augen. Normal werden die Weinstöcke Ende Februar Anfang März beschnitten. Aber in diesem Jahr treiben sie mitten im Januar Blätter – zwei bis drei Monate im Voraus. An einem Strauch hängen gar die ersten Trauben. 

Das ist nun der zweite extrem milde und niederschlagsarme Winter in Folge. Die Feriengäste auf Madeira freuen sich darüber. „Während in Berlin alle vor Kälte mit den Zähnen klappern, liegen wir in Bikini und Badehose am Strand“, strahlt ein Feriengast vom Prenzlauer Berg. Die Bauern Madeiras kratzen sich verwundert am Kopf und vertrauen den offiziellen Verlautbarungen. Vor eineinhalb Jahren deklarierte eine Konferenz im Kongreß-Zentrum von Funchal, dass der Klimawechsel Madeira landwirtschaftlich große Vorteile bringe. Die Erwärmung steigere den Ertrag der Ernten. Einzig der Wassermangel könne ein Problem werden. Dem sei mit gezielten Maßnahmen (Entsalzungsanlagen?) zu begegnen.

Die Statistik der Meteorologen zeigt, dass die durchschnittliche Höchsttemperatur für den Monat Januar von 19° bisher fast an jedem Tag deutlich überschritten wurde. Auch die Tiefsttemperatur in der Nacht von durchschnittlich 13° wurde bisher kaum erreicht.Vor allem aber die sieben Regentage, die es im Januar geben sollte, bleiben aus. Nur an einem Tag wurden nennenswerte Niederschlagsmengen gemessen.

Die Folgen des Klimawandels werden auf Madeira bisher nicht wirklich tief reflektiert. Zwar hat die Tageszeitung Diario de Noticias vor ein paar Monaten eine Fotomontage auf der ersten Seite präsentiert, in der die Strandpromenade der Inselhauptstadt überflutet erschien. Der Titel „Anstieg des Meeresspiegels“ wurde aber eher als Gag verstanden. Demzufolge entschieden sich die Konstrukteure des neuen, mondänen Einkaufszentrums „Dolce Vita“ auch für die Ausbaggerung eines dreißig Meter unter Normalnull gelegenen Parkdecks. Das dort unterirdisch eindringende Meerwasser muss abgepumpt werden. Der Anstieg des Meeresspiegels wird in dreißig oder fünfzig Jahren wahrscheinlich die Tiefgarage zum Schwimmbecken machen und das gesamte Gebäude gefährden. Aber aktuell bereitet das niemandem Sorgen. Die Bauern wundern sich über Weintrauben im Januar und die Touristen genießen halbnackt die Sonne am Strand. Lange vor der Überschwemmungskatastrophe von New Orleans sang Louis Armstrong „What a wonderful world“.

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