Boca da Corrida
Wandern im Hochgebirge

Druckansicht

Alles drin!

30. Oktober 2007

Der Edition-Erde Reiseführer Madeira

Wohl kaum ein Reiseführer informiert so umfassend und kenntnisreich über die Insel. Eine ideale Lektüre für Madeira-Besucher, die sich vor Reiseantritt gründlich vorbereiten, aber auch für Residenten, die alles über ihre Wahlheimat erfahren wollen.Die Entstehung der Insel, Wind und Wetter Madeiras sind die einleitenden Themen. Was dann folgt, läßt vom Niveau her die stereotypen Schwärmereien vom „schwimmenden Garten im Atlantik“ weit hinter sich. Die Kapitel über Flora und Fauna sind biologisch fundiert und weisen die Autoren Wendula Dahle und Wolfgang Leyerer darüber hinaus als kundige Kulturgeschichtler aus. Über den in Madeira verbreiteten Drachenbaum zum Beispiel berichten die beiden, dass schon die Griechen ihm den Namen gaben, und Hieronymus Bosch den Baum im „Garten der Lüste“ mit falschen Früchten versah. Gelehrsamkeit, die Spaß macht.

Kreativ die kleinen Rezepte in diversen Kästchen auf den Früchteseiten. Papaya-Auflauf oder Cherimoya-Creme – der Reiseführer ist da besser als die madeirensische Kochkunst selber. Stark auch die historischen Abschnitte über Wein, Zucker und die Bewässerungskanäle. Der Leser oder die Leserin lernt vertrackte Dinge. Zum Beispiel, dass Madeira geologisch so beschaffen ist, daß Niederschläge der Südhälfte in den ohnehin niederschlagsreichen Norden hinübersickern. Dort werden sie gestaut und per Levada in den Süden zurückverfrachtet.

Ein wenig blauäugig fallen die Äußerungen der Autoren zur Nelkenrevolution aus: „Die Revolution der Nelken wurde auf Madeira enthusiastisch begrüßt....Die Revolution ist bis heute nicht vergessen.“ Der Putsch linker Offiziere befreite Portugal 1974 von einer fast fünfzigjährigen faschistischen Diktatur. Aussichtslose Kolonialkriege wurden abgebrochen, eine schier unvorstellbare Ausbeutung der Landarbeiter und die Überwachung der Bevölkerung durch die Geheimpolizei fanden ihr Ende. Und doch erlebt die Nelkenrevolution im Gegensatz zur Behauptung der Autoren des Reiseführers keine Gegenliebe bei den Madeirensern. Man erkennt das zum Beispiel an den Namen der Straßen und Bars. Alle geschichtsträchtigen Daten tauchen in diesen Namen auf, doch eine Straße oder Bar des 25. April (Tag der Nelkenrevolution) sucht man vergeblich. Ein wichtiger Grund für diese Ignoranz liegt wohl in der Haltung der katholischen Kirche zur Politik: Sie hatte Großgrundbesitzer und Faschisten gestützt, die linke Revolution aber bekämpft. Bei der einfachen ländlichen Bevölkerung Madeiras wirken die Worte des „Herrn Pfarrers“ stärker als die Erfahrung der Befreiung von der Diktatur. Ein Bewußtsein für Demokratie ist selbst bei jugendlichen Madeirensern kaum zu finden.

Die Kapitel über Wanderwege auf Madeira taugen nicht als Wanderführer – das Buch ist viel zu schwer für den Rucksack. Die Autoren weisen darauf hin, dass man zum Wandern eine aktuelle Wanderkarte und einen neueren Wanderführer einpacken soll und erwähnen lobend und mit Augenzwinkern die Wanderbeschreibungen von „Pat und John“ Underwood als Pionierleistung. Dahle und Leyerer sind selbst enthusiastische Wanderer, beschränken sich in diesem Buch jedoch auf eine nützliche grundlegende Einführung. Sie berichten über Levada- und Pilgerwege, beschreiben die steilen Wanderwege vom Meer hinauf zu den Siedlungen und die Schwierigkeiten, mit denen sich die Wanderer konfrontiert sehen könnten. Das Kapitel über die Levadas von Rabaçal ist so ausführlich und übersichtlich wie in keinem anderen Reiseführer. Und die Sechs-Tage-Wanderung im Osten der Insel läßt sich noch fast genauso nachwandern, trotz der vielen neuen Strassen und Tunnels.

Kritisch ist anzumerken, dass der Reiseführer mit seiner letzten Auflage 1999 vielen Veränderungen nicht gerecht wird. Die vierspurige Autobahn, mit deren Einweihung das Buch abschließt, verläuft inzwischen entlang der gesamten Südküste. Eine Express-Strasse erschließt den Südwesten und fast den gesamten Norden und Osten Madeiras. Der Flughafen, den man im Reiseführer noch als Modellbild abgedruckt findet, ist lange schon ausgebaut, die großen Container haben die Inselhauptstadt längst verlassen und sind in Richtung Caniçal abgewandert, und in der Quinta Magnolia wird man vergeblich die Speisen der Hotelfachschule bestellen wollen, weil diese seit zehn Jahren schon in der Nähe der Praia Formosa ein neues Quartier bezogen hat. Eine neue Auflage muß dringend auf Aktualität überarbeitet werden. Und das wäre wünschenswert, denn:

Wer Grundsätzliches, Fundiertes und Umfassendes über Madeira sucht, ist mit diesem Buch bestens bedient.

Madeira: ein Edition-Erde-Reiseführer; bei Edition Temmen, Bremen 1997; 432 Seiten, € 9,90

Leserbriefe

Keine Leserbriefe vorhanden

Leserbrief schreiben

Mit Sternchen (*) gekennzeichnete Formularfelder müssen ausgefüllt werden.