Madeira-Team GAME
Das Madeira-Team von GAME

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Einladung für Seeigel

5. August 2007

Ein „Spiel“ aus Kiel

Echt spielerisch begann für Sarah Debus der Studienaufenthalt auf Madeira. Die Studentin der Ruhr-Uni Bochum pflückte mit lockerer Hand Rotalgen und Seeigel, deren natürliche Feinde, vom Beckenrand des großen Hafens in Funchal. Nach Braunalgen, die auch auf Seeigels Speiseplan stehen, ging die 25jährige mit Studienkollege Patricio Ramalhosa (29) baden. Vor Reis Magos an der Südküste schnorchelnd, ernteten die beiden Studenten der Meeresbiologie leckeres Futter für die gefräßigen Seeigel im Institutslabor.Das Spiel heißt GAME und ist am Ende eher ernst als spaßig. Es geht um einen biologische Experimente. In diesem Fall wird das Verhalten von Algen untersucht. Die vor Madeira geernteten Algen können chemische Substanzen produzieren, die den Seeigeln die Lust am Essen verleiden. Um zu erforschen, wann die Algen die Produktion dieser Appetithemmer drosseln oder sogar ganz einstellen, variieren die Forscher deren Lebensbedingungen. Zweihundert Meerwasser enthaltende Kanister stehen im Institut in der Nähe des Lido-Schwimmbads. Die Kanister werden ein wenig, teilweise oder ganz verdunkelt. Die Algen darin erleben den doppelten Stress von Lichtentzug und der Bedrohung eines jeweils zugesellten Seeigels, der nur darauf wartet, ohne Geschmacksbeeinträchtigung zulangen zu können. Wann genau kapitulieren die Algen vor ihrem Feind?

Das Experiment wird gleichzeitig in Malaysia, Japan, Kanada und eben auf Madeira durchgeführt. „Wir betreiben vergleichende Grundlagenforschung und verfolgen ökologische Fragestellungen“, umreißt der Experimentleiter vor Ort, Manfred Kaufmann (43), das Programm von GAME. Die Abkürzung steht für Global Approach by Modular Experiments. Das Pilotprojekt wurde vor sechs Jahren am Meeresbiologischen Institut der Uni Kiel entwickelt. Es koordiniert ein weltweites Netzwerk von Meeresforschungsinstituten und vergibt unter anderem auch Stipendien. Wegen hervorragender Noten in den mündlichen Diplom-Prüfungen ist Sarah Debus in den Genuß eines sechsmonatigen Stipendiums für Madeira gekommen, wo sie nun bis Ende Oktober ihre schriftliche Diplom-Arbeit über das bissige Verhältnis von Algen und Seeigel verfaßt. „Ich habe bei den zur Auswahl stehenden Forschungsorten Madeira ausgewählt, weil die Atlantikinsel am wenigsten weit entfernt liegt“, bekennt die Hagenerin. Die Eltern verbrachten schon vier Wochen bei der Tochter, viele Freunde aus der Heimat besuchen sie, und die Großeltern rufen fast jeden Abend aus Hagen an. Betreuer Manfred Kaufmann ist nicht nur wissenschaftlicher Mentor. Der gebürtige Würzburger vermittelt auch Heimatbande in der Fremde. Dabei ist Kaufmann schon fast ein waschechter Madeirenser. Seit 15 Jahren arbeitet er am Biologischen Institut der Universität von Madeira. Inzwischen ist er zum Assistenz-Professor avanciert und voll in den Lehrbetrieb der Uni integriert. Er spricht fliessend Portugiesisch. Der gebürtige Franke ist in Caniço mit einer Madeirenserin verheiratet, und hat zwei Töchter im Alter von 17 und 12 Jahren. Nach Deutschland fährt Kaufmann fast nur noch beruflich: „Mit Kiel findet ein reger Austausch statt.“

In Kiel lernten sie sich denn auch kennen: Sarah Debus, Patricio Ramalhosa und Manfred Kaufmann. Die beiden Männer kamen aus Madeira angereist, Sarah Debus indirekt aus Helgoland, wo sie an einem Meeresinstitut geschnuppert hatte. Die drei fanden schnell zueinander. Bei ihren Zusammenkünften im Meeresbiologischen Institut von Funchal tragen sie stolz die in Kiel angefertigten blauen Hemden mit der jeweiligen Rückenaufschrift: Madeira-Team, Sarah, Manfred, Patricio.

Was machen Sarah Debus und Patricio Ramalhosa nach dem Diplom? Patricio wünschte sich, dass die Regierung Madeiras neue berufliche Betätigungsfelder für Meeresbiologen schaffte. Der Wunsch ist nicht abwegig. Die Autoritäten Madeiras müßten nur einmal über den Tellerrand schauen. Auf der holländischen Insel Texel beispielsweise fänden sie mit „ECOMARE“ eine Meeresstation, die eine grosse Touristenattraktion darstellt. „ Unser Institut für Meeresbiologie sollte ursprünglich ausgebaut werden“, erzählt Manfred Kaufmann. „In der benachbarten Ruine an der Promenade war die Einrichtung eines Meeresaquariums geplant, und es sollte auch ein Vortragssaal und eine Kantine entstehen. Leider sind die Pläne eingeschlafen.“ Bedauern zeichnet sich auf den Gesichtern der drei vom Madeira-Team ab. Dabei hätte das Institut schon jetzt eine Attraktion zu bieten: zwei lädierte Riesenschildkröten in großen Meerwasserbehältern, die von Institutsleiter Professor Thomas Dellinger, einem weiteren deutschen Mitarbeiter in der madeirensischen Meeresbiologie, aufgepäppelt werden. Doch zunächst bleibt das Institut klein und fein. Für Sarah Debus ist das sicherlich auch ein Wohlfühlfaktor. Wie auch für die nächste Stipendiatin aus Weihenstephan, die im Spätherbst in das freundliche Arbeitsklima aufgenommen wird.

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