Brücke Ponta do Sol
Die alte Brücke bei Ponta do Sol

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Vorwärts und nicht vergessen

11. Juni 2007

Madeiras alte Wege und neue Straßen

Viele Touristen sind froh, wenn sie nach vierstündigem Flug ihren Ferienort binnen kurzer Zeit erreichen. Früher gondelte man stundenlang über Bergkämme hinweg, jonglierte auf der Steilküste und an Talrändern entlang, um durchgeschaukelt jwd seinen Koffer auszupacken. Diese Zeiten sind vorbei! Die Inselregierung hat einen Großteil der 35 Milliarden Euro, die seit dem Beitritt Portugals zur Europäischen Union nach Madeira flossen, dazu benutzt, Schluchten zu überspannen und Felsmassen zu durchlöchern. Auf Schnellstraßen rollt heute der Verkehr zügig rund um die Insel. Einer der längsten Tunnel Portugals (3,62 km) koppelt den Norden und den Süden unmittelbar aneinander. Entlegene Orte sind heute leicht anzusteuern. Madeira ist zusammengeschmolzen.

 

Früher war das anders. Als es noch keine oder nur wenige Autos gab, wurden Weinfässer auf breiten Wegen mit dem Ochsenkarren befördert. Bei engeren Wegen kam der Sand zum Bauen per Eselkarawane. Sarah erinnert sich an einen Eseltrack: „Der Besitzer brachte mit 12, 13 Eseln Sand aus Câmara do Lobos zu uns auf den Pico do Funcho. Vorn lief immer das größte männliche Tier. Die anderen Esel folgten dem Anführer. Sie waren allesamt mit schweren Sandsäcken bepackt, die zu beiden Seiten an den Eseln herabhingen. Den Anführer mußte man stets bei Laune halten. Wenn er bockte, kriegte er eine Möhre als Leckerli. Danach ging's weiter.“ Oft nahmen sich die Männer aber auch die Lasten selbst auf die Schultern: Zuckerrohr, Bananenstauden oder Ziegenbälge mit Wein gefüllt, um sie zum Sammelpunkt zu bringen, von wo sie mit dem Ochsenkarren weiterbefördert wurden, oder aber wo ein neumodischer Lastwagen wartete.

Fernando ist 81 Jahre alt und geht immer noch – wenngleich mit Krückstock – aufs Feld. Sein Nachbar José ist erst 70, und läuft und läuft: „Wir haben uns oft 100 Kilo schwere Lasten auf die Schultern gepackt. Der Gang sollte sich ja lohnen.“ Die Wege waren so steil wie heute und auch die Sonne schien genau so heiß und unerbittlich. Die beiden Männer haben regelmäßig 200 Höhenmeter vom Meer zu ihrem Acker überwunden, oft mehrmals am Tag: mit der Last auf dem Rücken hinunter zur Küstenstraße und wieder hinauf mit den Einkäufen. Manche Dörfer stellten es besonders klug an: Sie konstruierten eine Seilwinde. In Faja da Ovelha sind die Reste der Winde noch heute zu sehen, mit der Schwerstlasten vom Strand in Paul do Mar etwa 300 Meter hinaufgezogen wurden. Die Menschen mussten sich selbst nach oben befördern: ihr Zick-Zack-Pfad, wird heute noch von Wanderern erklommen, er ist von der Landstrasse aus gut zu erkennen.

Ebenfalls für moderne Wanderer ein erbaulicher Weg, für die Einheimischen früher jedoch mühsame Plackerei ist der Pfad von Paul do Mar hinauf nach Prazeres. Die Kletterpfade dienten auch dazu, den frisch gefangenen Espada unters Volk zu bringen. Der Fisch wurde, um die Hände beim Steigen freizuhaben, auf dem Hut festgebunden. Von Dorf zu Dorf führen die Wanderwege alter Zeit, die zwischenzeitlich großteils dem Verfall preisgegeben waren. Die Einheimischen ziehen die Asphaltstrassen vor. Inzwischen besinnen sich aber die Rathäuser auf diese alten Schätze. Der Weg durch die Schlucht von Prazeres wird in diesen Wochen auf dem zweiten Abschnitt in Stand gesetzt.

Salomé aus Arco da Calheta erinnert sich an ihre Kindheit: „Mein Vater brach manchmal auf, um in Seixal an der Nordküste eine Ziege zu kaufen. Die Wege dorthin waren Fußwege, die er gut kannte. Es dauerte fast eine Woche, bis er mit den Tieren zurück war. Unterwegs hat er bei Bauern im Stroh geschlafen. Meiner Mutter und mir erschien das wie eine Weltreise. Und wir waren gespannt auf Vaters Erzählungen von unterwegs.“

Manchmal entdeckt man auch schmale alte Brücken. In Sao Jorge zum Beispiel überspannt solch eine Brücke den Bach, um den Weg zu bahnen, der über die Berge nach Santana führt. Eine vergleichbare Brücke findet sich in Calheta, direkt neben der Schnellstrasse. Und auch die alte Brücke westlich des urtümlichen Tunnels von Ponta do Sol nach Madalena do Mar – direkt am Meer - ist sehenswert. Wer sie überquert entdeckt den alten Wanderweg um den Felsen herum, den die Menschen früher gelaufen sind. Dieser Tunnel ist erst vor ca. 100 Jahren entstanden. Desgleichen die altertümlichen kurzen Tunnel auf der Serpentinenstrasse nach Faja da Ovelha. Es sind Zeuginsse des Umbruchs. Der erfolgte als die Automobile große und breite Straßen erforderten.

Den ersten Tunnelbau im großen Stil gab es 1885. Allerdings noch nicht fürs Automobil, sondern für Reiter. Der Reitertunnel von Rabacal ist wie die alten autogerechten Tunnel reine Handarbeit. Die Unebenheit von Decke und Wänden läßt die Schläge spüren, die Menschenhand dem Felsgestein verpaßte. Knochenarbeit! Heute sind es High-Tech-Turbinen, die die Löcher in die Felsen bohren, und dennoch: Tote gibt es immer noch beim Tunnelbau. Auch wenn später die dunklen Löcher klinisch rein aussehen, die die Busse, Lastwagen und PKWs verschlucken.

Die Madeirenser sind stolz auf ihre Tunnel- und Schnellstraßen-Verbindungen. Busfahrer zeigen Touristen auf der Nordküstenroute wie ein Tunnel sich an den nächsten reiht gleich einem Schweizer Käse. „Wir haben gar nichts von Landschaft und Meer gesehen“, beklagen die Fahrgäste später. Aus der Sicht der Busfahrer sind Natur und Meer wenig sehenswert – die gibt es jederzeit umsonst, die Fahrbahn aber ist ein Gewinn und ein großer Wert. Mit dem aktuellen engmaschigen Straßennetz ist Madeira kleiner geworden. Salomes Vater könnte die „Weltreise“ von Calheta nach Seixal heute an einem ausgedehnten Nachmittag unternehmen – inclusive Verladen der Ziegen.

Im Zuge der Modernisierung wird der natürliche Raum immer kleiner. Bis 2013 bekommt Madeira noch Sonderförderung von der EU. Dann bricht der Finanzstrom ab. Doch bis dahin wird noch manche neue Straße die Landschaft durchpflügen. Oliver ist Reiseführer bei einer österreichischen Wanderagentur. Besorgt fragt der 32jährige Naturbursche, der Wien um der Schönheit Madeiras willen verließ: „Wieviel Natur bleibt übrig?“

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