Curral das Freiras
In diesem Bergkessel versteckten sich die Nonnen

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Curral das Freiras

28. Mai 2007

Zufluchtsort vor Barbaren, Kannibalen, Hugenotten?

Von weitem wirkt der Kessel inmitten der Insel wie eine Idylle. Steile mächtige Hänge beschützen das eingebettete Tal nach allen Seiten. Die Asphaltstrasse, die über einen der Bergkämme klettert, bahnte den Weg für motorisierte Invasoren. Zuvor war der Kessel eine echte Enklave. Also auch ein gutes Versteck. Genau deshalb wählten die Clarissinnen den abgeschiedenen Ort für ihren historischen Exodus aus dem Kloster Santa Clara in Funchal. Die Nonnen empfanden unsägliche Angst, als Madeira im Jahre 1566 von 1200 Korsaren überfallen, gebrandschatzt und vergewaltigt wurde. Die Ordensfrauen packten damals in Windeseile ihr Hab und Gut und gelangten auf einem Gewaltmarsch in die Sicherheit des fast unberührten Tales. Im Oktober 1566 ereignete sich einer der grausamsten Überfälle in der Geschichte Madeiras. Elf Schiffe waren im September von Bordeaux aus in See gestochen. Das Kommando führte der Portugiese Gaspar Caldeira, der am königlichen Hof zu Lissabon in Ungnade gefallen war und auf Rache sann.

Mit dem Franzosen Bertrand de Montluc hatte Caldeira einen Abenteurer der Meere gewonnen, der begleitet von mehr als tausend verwegener Landsleute an Bord gegangen war. Am Morgen des 3. Oktober 1566 landeten die Männer am Strand vom Formosa. Heute ist die „Praia Formosa“ der Badestrand von Funchal. Die Korsaren waren kräftige Kämpfer und gut bewaffnet. Der Widerstand, der sich ihnen entgegenstellte, ergab auch auf Seiten der Eindringlinge Verluste. Am Fort von Sao Lourenco, der zentralen Verteidigungsanlage in der Nähe des heutigen Yachthafens, fiel Montluc. Die madeirensischen Truppen kämpften tapfer gegen die Angreifer, mussten sich aber schließlich geschlagen geben. Sobald die Korsaren Herr der Lage waren, begannen Plünderungen. Das Wertvollste aus Kirchen und reichen Häusern schleppten die Räuber auf die Schiffe. Was dort nicht Platz fand, wurde zerstört: Weinfässer, Zuckerhüte, Mobiliar. Die Eindringlinge wüteten zwölf Tage lang. Auch auf der Nachbarinsel Porto Santo richteten sie Unheil an. Hier wie dort wurde Feuer gelegt, wurden Wehrlose erschlagen, Frauen Gewalt angetan.

Wieviele Nonnen damals im Kloster Santa Clara lebten, ist nicht bekannt. Die Angst der Clarissinnen ist leicht verständlich, liegt doch ihr Konvent fast in Rufweite zum Fort do Pico, einer alten Verteidigungsanlage oberhalb der Stadt. Korsaren, die sich in dem Fort einquartiert hatten, kamen regelmäßig am Konvent vorbei. Um qualvollen Visiten zu entgehen, begaben sich die Nonnen auf den langen Marsch. Sie benutzten bei ihrer Flucht einen Levadaweg, der erst 1520 fertig gestellt worden war. Die Levada do Curral führt von Funchal durch das Socorridos-Tal nach Curral. Für diesen Wasserkanal waren in harter Arbeit 20 km Weges durch den Felsen geschlagen worden. Nur Eingeweihte kannten den schmalen Levadapfad in den Kessel hinein. Ein ideales Schlupfloch mit „esoterischem“ Eingang. Der Kessel wurde später „Curral das Freiras“ genannt, das heisst wörtlich „Ziegenstall der Brüderinnen“ – also der Ordensschwestern, das Portugiesische ist mitunter sehr kreativ.

Kreativ, wenn auch in einem weniger positiven Sinne sind auch die Spekulationen um das Motiv des Überfalls. In den vierziger Jahren trug ein madeirensischer Pater mit seinem Mitarbeiter die Aufzeichnungen zweier bedeutender Geschichtsschreiber zusammen. Dies geschah in der von Padre Fernando Augusto da Silva vorgelegten dreibändigen Enzyklopädie „Elucidario Madeirense“. Der Pater, der den Überfall der Franzosen als „barbarisch“ und sogar „kannibalisch“ (!) einstuft, schließt sich einem der beiden Geschichtsschreiber, Gaspar Frutuoso, an, dem zufolge die Grausamkeiten von französischen Hugenotten begangen worden waren. Die 1200 Landsleute Montlucs seien nicht nur darauf aus gewesen, katholische Kirchen ihrer Schätze zu berauben, sondern auch diese Kultstätten durch gotteslästerliche Flüche und Gesten zu schänden. Die sakralen und profanen Schätze hätten die vermeintlichen Hugenotten dann auf den Kanarischen Inseln, die sie nach dem Madeira-Stopp angesteuert haben, mit hohem Gewinn verkauft. Tatsächlich ist zu jener Zeit eine große Anzahl französischer Hugenotten auf den Kanarischen Inseln angelangt Sie hatten sich den grausamen Verfolgungen durch die katholische Kirche entzogen. Dass die französischen Protestanten sich der organisierten Kriminalität verschrieben, scheint aber eher eine Fantasie des orthodoxen Katholizismus zu sein als geschichtliche Tatsache.

Wenn man in der „Historia da Madeira“ blättert, einem in der Sekundarstufe verwandten erst vor wenigen Jahren konzipierten Geschichtsbuch, findet man die frappierende Kontraktion eines „jüdischen Protestantismus“, die Unwissenheit und Ignoranz gegenüber fremden Konfessionen dokumentiert.

Zurück zur Enzyklopädie. Für Padre Fernando waren die Grausamkeiten der fremden Räuber – wie es in einem traditionellen portugiesischen Wort heißt - „für Christen nicht zu glauben“. Vielleicht mußten deshalb protestantische „Ungläubige“ für die Verbrechen herhalten. Die portugiesischen Katholiken haben sich in den Kolonien sicher immer streng christlich verhalten....

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