Cagarras irritieren Touristen

13. Mai 2007

Witzige Geräusche

Wer in einer Sommernacht auf Madeira am Strand spazieren geht, bekommt ungewöhnliche Laute zu hören. Die meisten Touristen haben „sowas noch nie gehört“. Und so kommt es auch zu erstaunlichen Spekulationen, um was es sich handeln mag: „In den Bananenplantagen müssen ganz exotische Frösche leben, die nachts rufen!“, heißt es, oder „Stimmt es, dass Delfine nachts nah ans Ufer kommen und Geräusche machen, als ob sie lachen?“ Fans von Zeichentrickfilmen fühlen sich an die Stimme von „Micky Maus“ erinnert. Und dabei ist es in Wirklichkeit ein Vogel, der so wundersame Töne von sich gibt, der Gelbschnabel-Sturmtaucher.Die „Cagarra“, so der portugiesische Name, ist schon ein ganz besonderer Vogel. Auf den ersten Blick kann man sie mit einer Möwe verwechseln, doch sie sind vielmehr Verwandte der Albatrosse. Nachts sind sie auf Futtersuche für die Jungen, die sie in tiefen Bruthöhlen in den Klippen verbergen. In jedem Nest befindet sich nur ein einziges Ei, das 54 Tage gut geschützt sein will. Die nächtliche Jagd – lieber bei bedecktem Himmel als im klaren Mondlicht – ist ein gutes Mittel, das Junge vor neugierigen Blicken und hungrigen Mäulern der vierbeinigen Landbewohner zu verbergen.

Die Cagarras fliegen ausgezeichnet und verbringen fast ihr ganzes Leben auf dem Wasser. Nur für den Nestbau brauchen Sie festen Boden unter den Füßen. Die übrige Zeit leben sie auf dem Meer und in der Luft. Auf dem Schnabel führt der Vogel eine kleine Entsalzungsanlage mit sich. So bekommt er das nötige Frischwasser zum Erhalt seines Körpers. Von oben ist das Gefieder hellbraun-grau, von unten, dazu noch vom Licht der Strassenlaternen angestrahlt, leuchtet der Körper weiß.

Wie die Zugvögel in Deutschland zeigt die Ankunft der Cagarras, dass jetzt der Frühling begonnen hat. Meist im März sind die Rufe zum ersten Mal zu hören. Bis in den September hinein gibt es das Nachtkonzert, dann verlassen die Altvögel die Klippen. Die gut gefütterten Jungvögel sind noch zu schwer zum Fliegen. Im Oktober haben sie an Gewicht verloren, und machen sich auf, um das Leben auf dem Meer zu wagen. Bei ihren Flugübungen hört man noch einmal einige Nächte lang das seltsame Rufen. Dann ist es still – bis zum nächsten Jahr. Die Jungvögel allerdings kommen noch lange nicht zurück: erst nach fünf bis sieben Jahren sind sie geschlechtsreif. Bis zu vierzig Jahre alt kann der Vogel werden.

Die größte Kolonie von Cagarras befindet sich auf den Selvagens, einer südlich gelegenen kleinen Inselgruppe, näher an den spanischen Kanaren gelegen als am portugieschen Madeira. Früher wurden die Gelbschnabel-Sturmtaucher gejagt und gegessen. Heute werden sie geschützt. Die Naturfreunde Madeiras sind stolz auf den ungewöhnlichen Vogel. Ornithologen haben bis heute nicht herausgefunden, warum die Cagarras ihre Nachtflüge mit Geschrei untermalen.

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