Delfine
Delfine tanzen ums Boot

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Die Freiheit der Delfine

18. April 2007

Eine Bootsfahrt auf dem Atlantik

Pünktlich um10h30 legt das Boot ab. Der erfahrene Fischer Luís steht am Ruder. Seit 55 Jahren fährt er zur See. Kurz zuvor hatte sich Kapitän Rafael seinem Dutzend Passagieren vorgestellt. Dann verläßt die „Chavella“, ein typisch madeirensisches Fischer-Segelboot aus Holz, den Hafen von Calheta in Richtung offenes Meer. Ziel der Reise: die Aufenthaltsorte von Delfinen und Walen.

Nur zehn Minuten ist das Schiff von den Hafenanlagen entfernt, da gewahren die beiden Männer eine Vogelschar auf dem Wasser. Ein Schiffer, der in seinem kleinen Boot aus der Richtung des Vogelschwarms kommt, macht Zeichen. Luís verlangsamt die Fahrt. Das Boot treibt auf einige Delfine zu, die im Meer Nahrung aufgespürt haben. Die Möwen helfen ihnen beim Vertilgen der Mahlzeit. Die Delfine sind eifrig beschäftigt. Zum Luftholen springen sie kurz aus dem Wasser. Auf ihrem Gesicht zeigt sich ein Lächeln, so meint man. Weiter geht die Fahrt. Rafael und Luís sind ehrgeizige Schiffer, die ihrem Fahrgästen mehr zeigen wollen. Pottwale haben sie in den Tagen zuvor in Küstennähe gesichtet. Doch heute halten sich die großen Säugetiere zurück. Also geht es weiter hinaus. Ein starker Südwind kommt auf. Mit etwa 30 Stundenkilometern peitscht er die Wellen gegen den Bug. Das Schiff schaukelt mächtig auf und nieder. Pullover, Mützen, Schals und Jacken werden aus der Tasche gezerrt. Wer keine Zusatzkleidung an dem klaren sonnigen Morgen eingepackt hat, fängt an zu frieren. Keinerlei Anzeichen von größeren Meeresbewohnern.

 

Warum füttern die beiden Männer nicht einfach die Tiere mit Leckereien, die ihnen ein Rendezvous am verabredeten Ort garantieren? Rafaels Antwort ist klar: „Wenn wir den Tieren Nahrung geben, hören sie auf zu jagen. Die warten dann nur noch auf uns. Und sollten wir mal einige Zeit nicht kommen, weil das Meer zu rau ist oder die Fahrgäste ausbleiben, warten die Wale oder Delfine vergeblich auf ihre Nahrung und haben verlernt sich selbst was zu erjagen!“ Da spricht der Naturkenner und Liebhaber der wilden Kreaturen. Rafael will ihnen begegnen ohne sie ihrer Wildheit zu berauben. Der Geschäftsmann, der Rafael ja auch ist, schweigt. Er könnte mit dem Anfüttern der Tiere gute Geschäft machen, regelmäßige Begegnungen in kürzerer Reisezeit arrangieren und schnelles Geld verdienen. Aber so ein Mann ist der Kapitän nicht.

 

Stattdessen wechselt das Schiff nun die Fahrtrichtung. Die Passagiere sind enttäuscht, weil keine weiteren Tiere auftauchen. Richtung Westen geht jetzt die Fahrt. Rafael sucht per Fernglas nach Zeichen und Wundern. Immer wieder setzt er die Gläser ab, um sich die Augen zu reiben. Die Suche im starken Wind ist anstregend. Doch der Kapitän gibt nicht auf. Und schließlich wird er belohnt. Drei Delfine tanzen plötzlich ums Boot, tauchen unterm Bug weg, schwimmen parallel zu Reling, springen aus dem Wasser. Auch das Lächeln zeigt sich wieder auf ihren Gesichtern. Und nun auch auf den Gesichtern der Passagiere, die begeistert sind nach der langen Fahrt kreuz und quer übers Meer. Rafael und Luís wirken erleichtert. Sie wollen ihre Gäste nicht enttäuscht entlassen. Und so helfen sie am Ende der Fahrt jedem mit einem stolzen Lächeln aus dem schwankenden Boot aufs Festland. „Letzte Woche haben wir 200 Delfine gesehen. Das war eine Riesenkolonie. Heute waren es nur ein paar.“ Aber die paar Tiere konnten die Fahrgäste entzücken. Zufrieden verlassen sie den Hafen.

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