Tunél das Pocas do Gomes
Auf den Spuren der Geschichte

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Spazierweg durch die Geschichte

6. Februar 2007

Ein historischer Fußgängertunnel am Ende von Funchals Küstenpromenade

Acht Mann Besatzung lagen ursprünglich im Tunnel auf Lauer. Sie waren mit zwei Maschinengewehren ausgerüstet. Die Schießscharten entdeckt, wer beim Verlassen des Tunnels den Blick scharf nach links wendet. In der Mitte der 140 Meter langen Verteidigungsanlage geben zwei natürliche Fenster im Fels den Blick aufs Meer frei. Wer dort die Gesteinsmasse absucht, findet schnell einen eingemauerten Betonkubus. Darin lagerte Munition und Proviant für die Besatzung. Eingang und Ausgang des 1943 entstandenen Schutzraums waren fest verschließbar. Von hier aus sollte der Besetzung Madeiras entschiedener Widerstand entgegenwirken.Heute durchschreitet man den Verteidigungstunnel bei grellem Neonlicht und dezenter Begleitmusik, als hätte es den Zweiten Weltkrieg nie gegeben. Zwei Meter breit ist der ehemalige Schutzraum an den engsten Stellen, auf vier Meter Breite weitet sich der Weg an den beiden Öffnungen in der Wand zum Meer. 2005 hat die Stadtverwaltung Funchals den Durchgang für die Öffentlichkeit hergerichtet. Der Tunnel ist das vorläufige Ende einer Küstenpromenade, die am historischen Lido-Bad in der Hotelzone der Inselhautpstadt beginnt und einmal bis nach Camara de Lobos führen soll. Kurz vor dem Tunneleingang passiert man frappierend einfache Fischerbehausungen sowie ein hochgelobtes Fischrestaurant mit atemberaubendem Ausblick auf den Atlantik und einer Neonbeleuchtung am Abend, die unsensibler nicht ausfallen könnte. - Dass die deutsche Wehrmacht die Neutralität Portugals im Zweiten Weltkrieg überrollen könnte, davor hatte nicht nur der portugiesische Diktator Salazar Angst. Die Engländer fürchteten, Hitler könne mit einer Besetzung Madeiras eine weitere Operationsbasis für seine U-Boot-Flotte aufbauen. Auch wäre von Madeira aus eine Truppenversorgung für den Afrika-Feldzug der Wehrmacht denkbar gewesen. Dass Hitler Gefallen an der Atlantikinsel hatte, wissen wir von den Fahrten des KDF-Schiffes „Gustloff“ nach Madeira, die Günter Grass „Im Krebsgang“ streift. Die Engländer hatten nach der Besetzung Frankreichs Furcht vor einem Durchmarsch der Wehrmacht bis nach Portugal und versorgten darum das neutrale Land mit Kriegsmaterial. Um die Stellung Madeira zu halten, mobilisierte Salazar fünftausend Mann. An den Küsten wurden ab 1941 zahlreiche Verteidigungsposten bezogen. 80 Bunker sollten darüber hinaus entstehen, um feindliche Bewegungen zu befeuern. Stärker als eine mögliche Besetzung durch deutsche Truppen besorgte den portugiesischen Diktator die Möglichkeit eines von Hitler sanktionierten Vormarsches des faschistischen Generals Franko aus dem größeren Teil der iberischen Halbinsel. Der spanische Nachbar hatte an der Militärakademie eine Abschlussarbeit mit dem Titel „Wie Portugal in vierzig Tagen einzunehmen ist“ abgeliefert. Anfang der vierziger Jahre bahnte sich mit dem Wohlwollen Hitlers ein zweites „Heim ins Reich“ an. Die Verteidigungsmaßnahmen Salazars auf Madeira scheinen dilettantisch angesichts der gewaltigen Potentiale der großen Mächte. Zwei Maschinengewehre mit acht Mann Besatzung und ein paar Flak-Posten auf den Klippen hätten auf Dauer einem deutsch-spanischen Angriff nicht standgehalten. Die Geschichte ging glimpflich aus. Hitler wurde vom russischen Winter überrascht und wandte alle Aufmerksamkeit von Westen nach Osten. Allein und ohne die Rückendeckung des großen Mäzens traute sich Franko nicht zuzuschlagen. Daher wurden weitere Verteidigungsbunker auf Madeira nicht errichtet. Der somit einzigartige Tunnel mit den Schießscharten für die Maschinengewehre ist Geschichte geworden, dämmerte Jahrzehnte vor sich hin und wird heute wiederbelebt von den Schritten der vielen Urlauber, die ihn durchmessen, um jenseits des Tunnels über einen Fußweg den Strand „Praia da Formosa“ zu erreichen. Nun heißt das Bauwerk „Tunél das Poças do Gomes“. Mit den Tritten der Passanten verhallt seine Geschichte.

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