Zicklein trinkt
Zicklein mit Babyflasche

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Menschenskinder!

27. Januar 2007

Bauer Manuel und seine Zicklein

Manche Zicklein kommen in Madeira schon zu Weihnachten zur Welt. Aber nicht alle haben – wie die Tiere im biblischen Bethlehem - einen trockenen Stall zum Schlafen. Am schlimmsten traf es ein Drittgeborenes. Die beiden Zitzen der Ziegenmutter waren exklusiv den beiden robusteren Geschwistern vorbehalten. Versuchte das kleinere Dritte am Euter zu saugen, drehte sich die Mutter weg. „Natürlich stirbt es“, bestätigte Bauer Manuel das Todesurteil der Natur. Doch eine wunderbare Wende rettete das kleine Tier.

Die Rettungsgeschichte hat zwei Kapitel. Alles fing mit einem Streit an. Die Nachbarn von Bauer Manuel hörten nämlich das klägliche Meckern des kleinen Zickleins, das täglich elendiger klang. „Das ist schon bald tot“, sagte der Bauer und zuckte mit den Achseln. Die Nachbarn wollten aber dem schleichenden Tod nicht tatenlos zusehen. Sie sind Mitteleuropäer. Eine von ihnen stammt freilich aus Madeira. „Ich komme selber vom Bauernhof. Wir hatten auch mal eine Ziege, die drei Kinder geworfen hatte. Das dritte habe ich als Mädchen mit einer Babyflasche durchgebracht.“ Und so geschah es. Die Madeirenserin und ihre ausländischen Freunde gaben dem kleinen Zicklein jeden Tag verdünnte, warme Milch aus der Flasche. Der Bauer Manuel schrie: „Ihr seid verrückt. Fasst nicht die Kleinen an. Die Mutter wird alle drei zurückweisen.“ Aber das war nur ein Vorwand. Denn Ziegenmütter sind nicht sonderlich exquisit. Der Bauer wollte bloss nicht, dass sich andere in seine Tierzucht einmischten. Das Zicklein nuckelte aus Leibeskräften, als wäre jede Flasche die letzte seines Lebens. „Das lohnt sich nicht, was ihr macht,“ sagte auch Bauer Francesco. „Das Kleine ist zu schwach. Wird nie ein gutes Zuchttier.“ Die Fremden fuhren unbeirrt fort, und die Bauern beargwöhnten sie. Dann begann urplötzlich das zweite Kapitel der Rettungsgeschichte. Bauer Manuel deklarierte pathetisch das Ende der Babyflasche. „Hört auf zu füttern. Ich habe Kraftfutter für Ziegenkinder gekauft. Mit diesem gepressten Getreide werden alle drei überleben,“ ordnete der Landwirt an. Zwar ist diese Kraftnahrung nicht besonders gesund, sie verdient eher den Namen Industrieprodukt, aber es war das erste Mal, dass Bauer Manuel sich rührte. Er hatte erkannt, dass das totgesagte Baby über den Berg war und wollte nun in der Geschichte selber aktiv werden. Mit seiner Entscheidung, etwas für die Ziegenkinder zu tun, ist Bauer Manuel über sich hinausgewachsen. Sicher ist, dass er keine Bar in der Umgebung auslassen wird, um zu prahlen: Als ich Weihnachten die drei Kleinen gesehen habe, hatte ich meine Zweifel, ob das wohl gutgeht.“ Nun will der Bauer den Kleinen sogar einen Stall bauen. Früher sagte er immer “Je nasser die Ziegen im Regen werden, desto besser schlafen sie.“ Trocken sollen sie es haben fortan. Wie die Tiere im Stall zu Bethlehem. Manuel wird überall herumposaunen, was er alles für seine drei Zicklein tut. Wer bringt schon alle drei durch? Er wird viele Neider haben. Hoffentlich eifern sie ihm nach.

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