Grotten von Sao Vicente
Unscheinbar ist der Eingang zu den Grotten

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Keine alte Dame

21. Oktober 2006

Eine Reise in die Geschichte Madeiras

Das grüne Antlitz Madeiras ist noch jung. Die letzten grossen Vulkanausbrüche fanden erst vor etwa 6500 Jahren statt. Gemessen an den grosszügigen Zeitabschnitten der Erdgeschichtler und aus der Perspektive des uralten Mitteleuropa ist das wenig. Selbst Porto Santo hatte sich schon längst aus dem Wasser erhoben, als Madeira entstand. Der Beweis für die „Jugendlichkeit“ der Insel fand sich in den Grotten von Sao Vicente. Hier konnte man recht genau bestimmen, dass die jüngsten grossen Lavaströme sich erst viereinhalbtausend Jahre vor Christus über die Insel ergossen.Im Jahr 1855 wurden die Grotten entdeckt. Welch ein Abenteurergeist für ihre Erforschung nötig war! Mit Lampen, Pickeln und Stecken durchstreiften die Entdecker das Höhlensystem. Heute sind die Grotten in öffentlichem Besitz, sie gehören dem Landkreis Sao Vicente. Unscheinbar liegt der Eingang zu den Grotten im Berg verborgen. Am linken Flussufer, direkt oberhalb einer der vielen neuen Umgehungsstrassen im grünen Tal von Sao Vicente. Ein Tunnel führt den Besucher vom Parkplatz unter der Strasse hindurch, eine Holzbrücke in die Anlage hinein. „Madeira – Tochter des Feuers“ lockt ein rotes Transparent die Besucher ins Vulkanzentrum, doch zuerst sollen die Grotten selbst besichtigt werden. Der Weg durch die Grotten ist etwa 700 m lang, die Führung in kleinen Gruppen dauert etwa zwanzig Minuten. In portugiesischer und englischer Sprache erläutert die Führerin Maria, was wir sehen. Vom Paul da Serra floss die Lava glühend heiß und mit bis zu 95 km/h bergab. Nach aussen hin erstarrten die Ströme, innendrin aber wälzte sich das flüssige Gestein aus dem Zentrum der Erde weiter. So entstanden die Röhren, die heute die „Grotten“ von Sao Vicente darstellen. Maria weist auf die geschmolzenen Gesteine oberhalb der Lavaröhre hin, die – so findet sie – aussehen wie Schokoladenpudding. Sie zeigt auf Lavatropfen, erklärt die kalte und saubere Quelle, die sich ihren Lauf durch die Röhren sucht. Zwischen fünfzig Zentimeter und sechs Meter Durchmesser hatten die Lavaströme. Wo die Lampen den Weg und einige Treppenstufen ausleuchten, wächst Frauenhaarfarn in Hülle und Fülle. Wasser und Luft bringen die Samen der Grünpflanzen mit, erklärt Maria. Tiere leben hier nicht. Regelmäßig 16° Lufttemperatur herrschen in den Grotten, es tropft von oben und die Luft ist sehr feucht. Tropfsteine – Stalagmiten und Stalaktiten – gibt es keine: das Gestein, durch das wir schreiten, ist Basalt, völlig frei von Kalk. Faszinierend ist die Akustik: es ist still, nur einige Wassertropfen platschen auf den Weg oder in den langsam fliessenden Bach, die Schritte der Besucher und ihre leisen Stimmen werden verschluckt in den Kurven und schmalen Gängen. Dem Gang durch die Höhlen schliesst sich die Besichtigung des Vulkanzentrums an. Wiederum in englischer und portugiesischer Sprache erfährt man einige Erkenntnisse über den Vulkanismus, die einem durchschnittlich naturkundlich bewanderten Besucher banal erscheinen werden. Die Sammlung vulkanischen Gesteins von der Insel ist da schon interessanter. Der Film über die Entstehung der Insel ist mit zehn Minuten ebenfalls zu kurz, um in die Tiefe zu gehen. „Die fantastische Reise ins Innere der Erde“ mit einem Schüttelaufzug und einem 3D-Film hat etwas von einer Geisterbahn – aber alle Besucherinnen und Besucher lassen sich wohlwollend auf das Spiel ein und werden mit allen Sinnen in den Vulkanismus eingeführt. Der Besuch der Grotten und des Vulkanzentrums macht Spass. Wieder im hellen Tageslicht, blickt man interessierter auf die Steilwände des Tals von Sao Vicente, erkennt die gefalteten Schichten der Gesteine und geniesst die Schönheiten der „jungen“ Insel Madeira mit anderen Augen.

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