Geldauszahlung
Nicht immer gleich zur Hand

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„Eben mal zum Geldautomat!“

2. September 2006

Bargeld ist im Urlaub nicht immer leicht zu haben.

Familie Sager hatte schliesslich doch noch Glück. Nach etlichen Fehlschlägen fanden die Eheleute ihren auszahlungswilligen Bankautomaten. Kein Glück hatte Peter L. Der Wolfsburger verließ Madeira mit Schulden. „Karte futsch – Erholung futsch“, sagte der 39jährige der Madeira-Zeitung kurz vor seinem Abflug.Familie Sager (Name geändert, Red.) aus Berlin war fast mit den Nerven am Ende. Keiner der zahlreichen Bankautomatein Madeiras akzeptierte die beiden von zu Hause mitgebrachten Geldkarten. Die Gespräche mit diversen Bankangestellten verliefen frustrierend. Niemand zeigte wirklich Interesse für die Not der beiden Berliner. Die hatten zwar ihr Hotel mit Halbpension schon vor Reiseantritt bezahlt, aber das Kleingeld für ein Tässchen Kaffee am Nachmittag oder ein Bier am Abend ging zu Neige. Verwandte in Berlin zeigten sich bereit,eine internationale Bankanweisung zu arrangieren. Die Sagers verbrachten daraufhin einen ganzen Morgen in einer Bankfiliale in Ribeira Brava. In unzähligen Telefonaten wurden internationale Bankcodes hin und her kommuniziert, Personalausweisnummern durchgegeben. Als nach mehreren Stunden des Wartens, Telefonierens, radebrechenden Englischs auf allen Seiten der Bankangestellte nach dem Vornamen seines Berliner Kollegens fragte, ging Wilfried Sager (45) entnervt vor die Tür. Er schaute trübselig in die Ferne. Da gewahrter er am Ende der Strasse einen Bankautomaten, an dem er es bisher noch nicht versucht hatte. Wie in Trance ging der Mann dorthin, trat an den Automaten, steckte die Karte in den Schlitz, gab die Geheimzahl ein und den höchstmöglichen Auszahlungsbetrag – und hielt wenig später die zweihundert Euro in der Hand. Mit den Scheinen eilte Wilfried Sager zu Frau Elfriede (47). Im Freudentaumel liessen sie den verdutzten Bankangestellten sitzen und zogen noch einmal zweihundert Euro aus dem Automaten heraus. Nun wieder mit Bargeld im Portemonnaie betraten die beiden den nächsten Supermarkt und erstanden eine grosse Tafel Schokolade, die sie sofort auf der Strasse assen. So gross war die Erleichterung. DieGeschichte von Peter L. (Name geändert, Red.) verlief ohne Happy-End. Der diesjährige Pechvogel von Canico hatte eine nette Dame kennengelernt und auf den Abend in eine Pizzeria eingeladen. Die beiden Alleinreisenden speisten exquisit, tranken einige Gläser vom köstlichen Rotwein aus dem Alentejo und unterhielten sich angeregt. Die Höhe der Rechnung hatte der Wolfsburger nicht vorausgesehen. Doch zum nächsten Bankautomaten waren es nur ein paar Schritte. Ob es nun an der anregenden Begegnung oder am Rotwein lag, dass Peter L. dreimal eine falsche Geheimzahl eintippte, der Automat zog die Karte ein und spuckte eine Quittung aus. Die eingeladene Dame war emanzipiert genug, ihren Rechnungsbetrag selbst zu zahlen und ihrem Begleiter darüberhinaus noch zwanzig Euro zu leihen. Am folgenden Morgen war Peter L. der erste Kunde in der Bankfiliale am Geldautomaten. Er wollte seine Karte zurückbekommen. Doch der Madeiraurlauber erhielt die Auskunft, dass seine Karte bereits eingeschweisst sei zum Versand an die Zentrale in Lissabon. Von Lissabon gehe der Transport weiter an die Zentrale seiner Hausbank in Deutschland, bei der er die Zustellung an die Heimadresse beantragen könne. Peter L. wollte es nicht glauben, befand er sich doch allerhöchstens zehn Meter entfernt von der abhanden gekommenen Geldkarte. Den Vorschlag, die ganze Sache unbürokratisch zu handhaben, legte der Filialleiter mit Nachdruck ab. Der Bankautomat erstelle Protokolle, die an höherer Stelle bearbeitet werden. Wenn das Protokoll einen Karteneinzug vermerkt, müsse der Eingang entsprechender Karte in Lissabon auch bestätigt werden. So verliess Peter L. die Bankfiliale wie ein begossener Pudel. Der Chef seines kleinen Hotels lieh im eine Summe, mit Hilfe derer er sich bei der Urlaubsbekanntschaft entschuldete, und die letzten Urlaubstage über die Runden kam. An eine erneute Einladung der sympathischen Dame war allerdings nicht mehr zu denken. Der Hotelchef schrieb einige Faxe an die Bankzentrale nach Lissabon, um die Karte zurückzubeordern. Es wurde hin und her telefoniert und schliesslich kam die Karte dann tatsächlich ins Hotel. Doch da war Peter L. schon nach Deutschland abgeflogen. Der Hotelier erhielt die Summe geliehenen Geldes von seinem Gast umgehend zurückerstattet und machte grosszügigerweise keine Auslagen für Faxe, Telefonate und Versandkosten geltend. Als eine Woche später die Geldkarte aus Madeira auf seinem Küchentisch lag, dachte der Junggeselle wehmütig darüber nach, was aus dem Pizzaabend in Canico alles hätte werden können. Nachdem er die Karte in die Brieftasche zurückgesteckt hatte, seufzte er tief und sagte in Gedanken seine Geheimzahl auf.

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