Ferienhaus
Ferienhaus-Vermieter vor Problemen

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Monopoly

15. August 2006

Harte Zeiten für Vermieter von Ferienhäusern

Ferien auf dem Land sind für gestresste Städter äußerst erholsam. Ferienangebote auf dem Lande bringen zusätzlich Umsatz in verarmte Gebiete. Wer es schafft, das verfallene Geburtshaus der Großmutter ansprechend zu restaurieren, empfängt bald entzückte Gäste, die das Portemonnaie des Gastgebers, aber auch des Lebensmittelhändlers sowie der Bar auf der Ecke füllen. Die EU unterstützt europaweit den ländlichen Tourismus, wohl wissend, dass er verödende Landstriche beleben kann. Da nimmt es wunder, daß auf der portugiesischen Atlantikinsel Madeira, die als „höchst unterentwickelte Zone Europas“ jahrzehntelang Millionen und Abermillionen D-Mark und Euro an Subventionen aus Brüssel schluckte, in einer drastischen Kampagne der aufkeimende ländliche Tourismus empfindlich dezimiert wird.Die großen Hoteliers klagen seit einiger Zeit über rückläufige Gästezahlen Die Regierung Madeiras hatte in den vergangenen Jahren großzügig neue Lizenzen für Vier- und Fünf-Sterne-Häuser erteilt, mit dem vollmundigen Versprechen, auf der verlängerten Landebahn des Flughafens würden Jumbo-Jets aus Nordamerika und Japan aufsetzen und ganze Heerscharen von Hotelgästen entladen. Doch die Jumbos kamen nicht, und so vertröstete die Regierung die Hoteliers mit einer neuen Prognose. Man verkündete den bevorstehenden Einfall reicher osteuroäischer Feriengäste. Zwar sind tatsächlich viele Osteuropäer nach Madeira gekommen. Aber sie arbeiten auf Baustellen oder als Kellnerinnen in Restaurants. Ein Zimmer im Nobelhotel steht da nicht zur Disposition. Wegen der Überkapazität und stagnierender Buchungen im Pauschaltourismus sind die teuren Hotels faktisch nicht ausgelastet und konkurrieren untereinander um Gäste, einige gar auf dem portugiesischen Binnenmarkt mit Sonderpreisen in der Hochsaison. Ein Sündenbock für die Fehlentwicklung wurde gesucht und gefunden: die kleinen Anbieter von ländlichen Ferienhäusern und -wohnungen. Der Chef der größten portugiesischen Hotelgruppe Pestana, mit Sitz in Madeira, war der erste, der sich in der Öffentlichkeit zum Thema „turismo rural“ äusserte: „Der ländliche Tourismus bedroht uns massiv“, verkündete das Imperium lakonisch bei Pressekonferenzen und öffentlichen Auftritten. Pestana und die anderen Groß-Hoteliers fanden offene Ohren bei der Inselregierung. Diese war froh, sich mit dem stilisierten Sündenbock aus der Verantwortung für eigene Fehlprognosen stehlen zu können. Daß der typische Fünfsterne-Urlauber immer öfter auf der Terrasse eines kleinen Steinhäuschens inmitten der Bananenplantagen anzutreffen ist, wo er zum selbstgebrutzelten Fisch einen Kanister Landwein öffnet, den er ebenfalls höchstpersönlich vom Minimercado in den Mietwagen und vom Mietwagen zum Ferienhaus geschleppt hat, ist in Regierungs- und Hotelierskreisen offenbar evident. Der ländliche Tourismus musste also kontrolliert und reglementiert werden. Die Tourismus-Behörde stellte in der Folge Inspektoren ein, die Ferienhausanbieter ohne Lizenz im Internet ausspähten. Nach inoffizieller Angabe wurden von 2000 Treffern in einem ersten Schub 200 Anbieter vorgeladen. Ihnen wurde eine Höchststrafe von 30.0000 EUR angedroht, sollten sie ihr Haus nicht unverzüglich durch die Behörde lizensieren lassen. Die meisten Vorgeladenen und viele andere Ferienhausanbieter, die einer Strafandrohung zuvorkommen wollten, stellten daraufhin Antrag auf Lizenzierung. Eine Delegation des zuständigen Rathauses inspiziert als erste das Objekt. Ein junger deutscher Architekt hatte zwei alte Steinhäuser liebevoll und fachgerecht restauriert und mit selbstgebauten Holzmöbeln ausgestattet. „Bei Ihnen sieht es aus wie in einer Jugendherberge“, monierte die Delegation des zuständigen Rathauses beim ersten Besuch. Offene Regale mussten zu Schränken umgebaut werden. Ein Geländer wurde vor dem Fenster angebracht, damit niemand hinausstürzt. Bei der zweiten Abnahme bemängelten die Inspektoren, dass der Feuerlöscher nicht auf der gebotenen Höhe von ein eineinhalb Meter hänge sowie ein Krankenwagen im Notfall nicht direkt vorfahren könne. Die Haustür des einen Hauses liegt drei Meter, die des anderen fünfzehn Meter von der Strasse entfernt. Der junge Architekt verzweifelte und gab auf. Bei einem englisch-zypriotischen Feirenhausanbieter verlangte die Delegation eines anderen Rathauses die Ausarbeitung eins Fluchtplans für den Brandfall, von einem Ingenieur professionell auszuführen. Für 250 EUR wurde ein Plan an der Wand aufgehängt, dem die Feriengäste entnehmen können, dass von jedem Raum ihres Ferienhauses eine Tür ins Freie führt. Die schikanös anmutenden Auflagen betreffen ausländische genauso wie einheimische Ferienhausvermieter. Ein madeirensisches Paar hatte nach behördlich verfügten und erfolgten Umbaumassnahmen geglaubt, die Prozedur sei überstanden. Die Endabnahme durch eine zehnköpfige Delegation der Tourismusbehörde stand zu guter Letzt an. Dabei wurde festgestellt, dass der Lizenzantrag für das Ferienhaus falsch gestellt sei. Nicht um die Kategorie „Turismo Rural“ gehe es beim betreffenden Objekt, sondern um „Apartamentos Turisticos“. Zurück auf „Los“, heisst das für die Handwerkerfamilie. Der gesamte Antrag ist neu zu stellen. Das kostet Zeit und viel Geld. Vorläufiger Höhepunkt in der Kampagne ist, dass die Tourismusbehörde ein Gesetzesblatt aus dem Jahre 2002 ausgegraben hat, das sie in einer breit angelegten Aktion für alle Ferienhäuser verbindlich machen will. Demnach muss in jedem Haus den Gästen ein Telefon und ein Faxgerät zugänglich gemacht werden. Die Vermieter fürchten nicht nur die Ausgaben für die Installation, sondern auch eine saftige Rechnung von seiten der Telekom. Denn ihnen ist ausdrücklich untersagt, die Gäste während des Urlaubs im Ferienhaus aufzusuchen, um eventuell entstandene Kosten abzurechnen. Einwände, dass die meisten Gäste ein Handy dabeihaben und das Fax aus der Mode kommt, schmettert die Behörde ab. Gesetz sei Gesetz, auch wenn man es mit vierjähriger Verspätung durchsetzt. Die meist kleinen Anbieter wissen nicht, wie sie sich gegen die Drangsalierung zur Wehr setzen könnten. Einer Förderung von Kleinanbietern in unterentwickelter ländlicher Umgebung wirkt die Kampagne der Tourismus-Behörde massiv entgegen. Die finanzstarken.Hoteliers scheinen nun selbst in den ländlichen Tourismus einsteigen zu wollen. Mit der Verdrängung der lästigen Konkurrenz wittern die Großen neue Gewinne. Auf einer verträumten Steilküste im Südwesten ist ein Hotel mit 80 Einheiten geplant. Kleine Appartments, allesamt ausgestattet mit Kochnischen zur Selbstversorgung. „Turismo rural“ in grossem Stil und natürlich den behördlichen Vorgaben entsprechend mit Fluchtplänen, Krankenwagenzufahrten, Telefon und Fax in der Zentrale.

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