Stille Lorbeerlandschaft

25. Juli 2006

Auf dem Dach Madeiras verzaubert ein einsamer Ort

Der Paul da Serra gleicht mit seiner spärlichen Vegetation vielerorts einer Mondlandschaft. Gut tausend Meter über dem Meer ist es kalt, windig, oft regnerisch – sofern die Wolken nicht unterhalb der Hochebene dahinziehen. Erreicht man das Forsthaus am Fanal hat die Einöde ein Ende. Eine Wiesenlandschaft mit uralten Lorbeerbäumen eröffnet sich, auf der wildlebende Rinder grasen. Der rasche Wechsel von gleissend hellem Licht und verhüllenden dunklen Nebelschwaden entwickelt eine meditative Stimmung, eine geheimnisvolle Atmosphäre in der wundersamen Landschaft, die – sobald man sich ihr überläßt – weit entfernt von Madeira zu sein scheint.Zum Forsthaus (posto florestal) am Fanal führt ein Abzweig der neugebauten Verbindungsstrasse zwischen dem Paul da Serra und Ribeira da Janela. Mit dem Parkplatz endet die Zufahrt. Dort beeindrucken die ersten Exemplare des Lorbeer-Reichs die Ankömmlinge. Zwei Baumarten prägen das Bild: Stinklorbeer (Til) und kanarischer Lorbeer (Loureiro). Der Fussweg vorbei am Forsthaus verläuft auf weichem Gras und verliert sich in einer weitläufigen Ebene mit einzelnen und in Gruppen stehenden prächtigen Lorbeerbäumen.Wenn die Sicht es zuläßt, findet man auf der Ebene schliesslich einen kleinen Teich. Die Stille des Ortes wird unterbrochen durch das Muhen, mit dem die Rinder sich orientieren. Besonders wenn schwere Wolkenschwaden über Bäumen und Wiese liegen, bleiben die Rinder so in Kontakt miteinander. Für die staunenden Zweibeiner hegen sie kein Interesse. Auf dem Dach Madeiras herrschen klimatische Bedingungen, die für die Atlantik-Insel untypisch scheinen. Das Reich der Lorbeerbäume könnte in Frankreich liegen, vielleicht auch in Norditalien. Und tatsächlich war ein vergleichbarer Lorbeerwald vor tausenden von Jahren in ganz Mittel- und Südeuropa verbreitet. Hier am Fanal ist man weit entfernt von eiligen Autofahrern und laut gestikulierenden Zeitgenossen. Wenn man die alten Bäume mit ihren gewaltigen Kronen sieht, wandeln sich die Zeitstrukturen. Minuten, Stunden, Jahre schmelzen zusammen. Eile erscheint töricht. Hier wird von Ewigkeiten erzählt. Manche Besucher gehen zu den Lorbeerbäumen, um zu meditieren. An einem wolkigen Tag ist der Fanal ein verwunschener Ort, der seine Besucher verzaubert.

Leserbriefe

Keine Leserbriefe vorhanden

Leserbrief schreiben

Mit Sternchen (*) gekennzeichnete Formularfelder müssen ausgefüllt werden.