Zuckerrohrfabrik Calheta
Alte Maschinen unter Dampf

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Zuckerrohr-Ernte

7. Mai 2006

Hochbetrieb im Mai

Nur sechs bis acht Wochen im Jahr, von April bis Ende Mai, arbeitet die Zuckerrohrfabrik in Calheta, dafür aber dann Tag und Nacht. Denn die Ernte kann nicht lange warten. Der Zuckergehalt wird geringer, wenn das Rohr zu lange liegen bleibt. Schon reihen sich die vollbeladenen Lastwagen am Tor der Fabrik auf. Überall im Westen haben die Bauern ihre Zuckerrohrpflanzen vom Laub befreit, auf die richtige Länge zugeschnittten und dann zu dicken Bündeln verpackt. Der Lastwagen holt die Bündel ab und fährt sie nach Calheta.Weisser Dampf dringt aus dem kleinen Schornstein, und der Lärm ist beträchtlich. Es riecht süßlich nach Pflanzen, ein wenig nach Alkohol, die Luft ist feucht und schwer. „Entrada“ steht an der Treppe und also wage ich mich in die Höhle des Löwen. Hier rattert und klappert es an allen Ecken und Enden. Vorsichtig trete ich an die Besucherbrüstung. Oben auf einer Art Empore schieben die Arbeiter mit grossen Rechen die Zuckerrohrstengel in die Maschine. Sie fallen unten auf ein Laufband und werden dann zwischen grossen Walzen zerquetscht. Direkt unter mir kehrt ein Arbeiter die ausgepressten Fasern zusammen. Den Zuckerrohrsaft (Garapa) kann ich nicht sehen. Er wird bereits gesammelt und dann zu Mel de Cana, dem Zuckerrohrsirup, weiterverarbeitet. Oder aber er wird vergoren und anschliessend destilliert: zu Aguardente, brennendem Wasser, dem 50prozentigen Zuckerrohrschnaps. Aguardente ist der Grundstoff des madeirensischen Nationalgetränkes Poncha. Da Poncha für und gegen alles gut ist, wird es kaum einem Touristen gelingen, ohne Poncha-Genuss Madeira wieder zu verlassen. Der ungeheure Lärm und die uralten Maschinen versetzen mich ins 19. Jahrhundert. „Birmingham“ steht auf den Maschinen. So muss das gewesen sein damals, die Arbeiter schuften unter fast unmenschlichen Bedingungen, verrichten harte körperliche Arbeit, um die Maschine am Laufen zu halten. Ohne Lärmschutz, nur mit den allernotwendigsten Sicherheitsvorkehrungen. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn ein Mensch zwischen diese enormen Walzen gerät. Kein Wunder, dass die Besucher durch Absperrungen auf sicherem Abstand gehalten werden. Dennoch, wer mag, kann überall schauen. Denn hier ist man stolz auf die Tradition. Und der Bolo de Mel, den man in der Probierstube kaufen kann, gilt als einer der besten Madeiras. Zuckerrohr war vor Wein und Bananen die erste grosse Kulturpflanze Madeiras. Zucker aus Madeira war in Mitteleuropa schon im 16. Jahrhundert begehrt. Nicht umsonst zieren fünf Zuckerhüte das Wappen der Stadt Funchal. Die billigere Produktion in der Karibik und in Südamerika und schliesslich die Zuckerproduktion aus Rüben in Europa machten dem Zuckerrohranbau auf Madeira ein Ende. Heute sieht man grössere Felder der mannshohen, schilfähnlichen Pflanzen noch im Südwesten, etwa oberhalb von Ponta do Sol bei Lombada. Die Zuckerrohrfabrik in Calheta kann man jederzeit besichtigen. Man findet sie in Vila da Calheta, gleich neben der Kirche. Neben dem Schild Engenhos da Calheta befindet sich der Eingang.

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