Rafael und Claudia Gomes
Auf ihrem Boot: Claudia und Rafael

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Das Boot, der Kapitän und seine Frau

30. November 2005

Eine romantische Geschichte

Wenn man genau hinsieht, schaukeln da zwanzig Personen nahe der Insel Madeira über den Atlantik. Die meisten davon sind Feriengäste. Sechs der Insassen gehören zusammen. Rafael ist der Kapitän. Er sitzt am Schiffsrand und redet mit Passagieren. Die vier Töchter haben auf der anderen Seite Platz genommen. Sie suchen die Wellen nach Delfinen ab. Am Ruder steht Claudia. Sie hat vor einiger Zeit ein Schiffspatent erworben und kann nun nach Seekarten und Sternen navigieren. Außerdem ist sie die Frau und Mutter des Teams. Das Boot schaukelt weiter. Aus dem Augenblick hinaus. Wie die Sechs zusammenkamen, lange bevor es das Boot gab, ist eine romantische Geschichte. Ihren Anfang nahm sie weit entfernt. In Köln nämlich, wo Claudia aufwuchs. Wie gelangt Eine von dort nach Madeira? Ist es doch am Rhein so schön ...In den Sommerferien wollte Claudia unbedingt ’raus! Mit ihrer Mitschülerin Susanne wählte sie die Kapverden zum großen Reiseziel. 1982 kostete der Flug ab Lissabon nur 200 Mark. So hatten die beiden gehört. Von Köln aus starteten die Abenteurerinnen per Mfg (das war damals die gängige Abkürzung für eine preiswerte Mitfahrgelegenheit) in Richtung Portugal und staunten nicht schlecht, als sie am Schalter des Flughafens von Lissabon plötzlich 2000 Mark hinlegen sollten. Die zusätzliche Null ließ die Kapverden sang- und klanglos sterben. Jede der beiden Neunzehnjährigen hatte für sechs Wochen Zelturlaub 800 Mark im Portemonnaie. Also saßen sie kurz darauf spontan und mehr noch budgetbedingt im Flieger nach Madeira. – Ihr Zelt hinterm Flughafen der Insel brachen sie bald wieder ab. Der Zeltplatz auf Porto Santo sollte schöner sein, hieß es. Darum setzen Claudia und Susanne auf die 30 Kilometer entfernte Nachbarinsel mit dem langen Sandstrand über. An der Anlegestelle der winzigen Insel betritt ein weiterer Mitspieler die Szene. Rafael, zweiundzwanzigjähriger Madeirenser, macht bei einem Freund in Porto Santo ein Paar Tage Urlaub und holt von der Fähre ein „Freßpaket“ ab, das seine Mutter ihm aus Madeira zukommen läßt. Bei der Landung gelangt man gleich ins Gespräch, und der Gentleman läßt es sich nicht nehmen, die Ankömmlinge persönlich auf den Zeltplatz zu geleiten. Fortan finden gemeinschaftliche Promenaden am Sandstrand und gesellige Abende statt. Für das leibliche Wohl der Damen wird bestens gesorgt. Wenn sie morgens schlaftrunken den Zeltvorhang öffnen, liegt köstliches Obst auf dem Rasen ausgebreitet. Für ihre Gastfreundschaft sind die Madeirenser berühmt, aber Rafael übertrifft seine Landsleute bei weitem. Der Gute erntet fast die gesamte Insel ab, um die Schönen zu verwöhnen. Das geht ans Herz - und noch viel weiter... Kurzum, Weihnachten steht Rafael auf dem Hauptbahnhof von Köln - ohne jede Information aus dem Reiseführer und krausen Sinns, genau wie Claudia nach Madeira gelangt war, wo sie ja ursprünglich gar nicht hinwollte. Genauso unvorbereitet steht der Junge aus Madeira nach 36stündiger Bahnfahrt im deutschen Winter. Seine Füße stecken in luftigen Sandalen und alsbald friert es ihn. Dafür ist es Ostern schön warm, als Claudia zum zweiten Mal auf Madeira landet. 1984 heiraten die beiden und leben fortan in Köln. Rafael, der auf Madeira Lehrer war, lernt deutsch zu sprechen und verdient schließlich als Maschinenschlosser sein Geld. Die vier Töchter kommen ab ’88 Schlag auf Schlag. – Wenn hier die Geschichte zu Ende ginge, wäre sie nicht romantisch. Ihr fehlt noch die Sehnsucht. Die ging von Claudia aus. „Ich will in der Sonne wohnen“, sagte sie. Nicht nur einmal. Nein, immer wieder. Solange bis die ganze Familie nach Madeira umzieht. Das war 1993. Die Töchter, obwohl alle in Köln geboren, sind bald echte Madeirenserinnen und sprechen besser Portugiesisch als Deutsch. Das Schiff des Vaters, das seit 2000 ein großes Familienthema ist, lieben sie alle. Claudia absolviert 2005 die Prüfung zum Patrao Local. Das ist ein kleines Schiffspatent. Damit kann sie jedes Boot bis zu einer Länge von 24 Metern 40 Kilometer ins Meer hinaussteuern. Doch ihre Sehnsucht geht weiter als 40 Kilometer ins Meer hinaus: „Wenn die Töchter alle versorgt sind, möchte ich mit Rafael auf einem größeren Holzboot in die Welt hinaus fahren und fremde Länder kennenlernen.“ Die inzwischen zweiundvierzigjährige Frau hat immer noch Sehnsucht nach der Ferne. Da die jüngste Tochter allerdings erst zwölf ist, wird Claudia der madeirensischen Schiffahrt einige Zeit erhalten bleiben. Man wird die „Ribeira Brava“ also weiterhin vollbeladen mit Feriengästen über den Atlantik schaukeln sehen, den Kapitän Rafael im Gespräch mit einigen Passagieren, gelegentlich mit den Töchtern an Bord und immer wieder mit Claudia am Steuer. Wenn sie in ihrer Heimat das Patrao-Local-Patent herumzeigte, würden die von der Weißen Rheinflotte vielleicht überheblich fragen: „Lokalpatron? Verkehrt die in Kneipen?“ Allerdings – einen Wal haben die Kölner Kapitäne von ihren Booten aus in der ganzen Zeit nur einmal gesehen. Und das ist schon lange her. Claudia und ihr Mann sehen Wale fast jeden Tag. Dafür lohnte doch der Umzug. Mehr Informationen bei www.lobosonda.com

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