Precipicio
Das Restaurant O Precipicio

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Feuilleton: Kulturfäden

5. Oktober 2005

gesponnen von Hubert G., Studienrat aus dem Münsterland

„Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“ Diesen Erleichterungsschrei vom Anfang eines Goetheschen Briefromans murmelte ich mehrmals, als das Flugzeug von der regengepeitschten Startbahn abhob. Das abgeschlossene Schuljahr war – wie all die anderen zuvor – entsetzlich gewesen. Nun sollten mich die Sommerferien in das ferne, mir gänzlich unbekannte Madeira entführen. Aber wie staunte ich doch, in der Fremde eine wundersame Erweckung meines in Studentenjahren erworbenen, vor Schülern und unliebsamen Kollegen sorgsam verborgenen Kulturschatzes zu erfahren.Das erste und vielleicht frappierendste Erlebnis hatte ich in schnödem Ambiente. Ich will nicht verhehlen, in Madeira eine Bekanntschaft gemacht zu haben, „die mein Herz näher angeht“ (um noch einmal denselben Briefroman zu verwenden). Über diese Bekanntschaft soll aber strikt geschwiegen werden. Ich trage damit dem von mir trotzig enttäuschten Ansinnen meiner verehrten Mutter Rechnung, die mich vor mehr als fünfzig Jahren als jüngstem Spross auf unserem Bauernhof für das Priesteramt vorgesehen hatte. Mit dieser anonym bleibenden Bekanntschaft also betrat ich im Orte Ribeira Brava eine Wäscherei. Während über den Ladentisch allerlei Kleidungsstücke wanderten, glitt mein zugegebenermassen gelangweilter Blick über die Dekorationen an den Wänden des Lokals. Eingerahmt und in Schreibschrift enthielt ein mir unverständlicher Text ein Wort, das mich bannte. Da stand unabweislich „Adorno“ zu lesen. Was macht der grosse Philosoph in einer Wäscherei auf Madeira? Haben die Eigentümer und Bediensteten des Ladens etwa die Tiefe seines Denkens erfasst? Ich muss vor Überraschung mehrmals am ganzen Körper gezuckt haben. Meine Bekanntschaft schaute mich besorgt an. In wenigen Worten versuchte ich, die Tragweite des Geschehens zu pointieren. Dabei verhaspelte ich mich. An dieser Stelle soll nun doch ein Teil der Diskretion aufgehoben werden. Meine Bekanntschaft – so gestehe ich frank und frei – ist madeirensischen Ursprungs und somit der portugiesischen Sprache mächtig. Mit naivstem Lächeln, das nach Auschwitz eigentlich nicht mehr gelächelt werden könnte, erklärte sie mir, dass „adorno“ im Portugiesischen und Spanischen schlichtweg „Verzierung“ bedeutet. Da stand ganz trivial zu lesen, dass besagte Reinigung keine Haftung für Schäden an Verzierungen übernehme. Adorno – eine Verzierung? In der Bar nebenan kippte ich einen Schnaps. Den Namen hatte er selbst gewählt. Warum? Ein jüdischer Witz? Ein tieferer Grund, den ich nicht erfasse? Die gesamten Ferien über rätselte ich, ohne einer Lösung nahe zu kommen. - Während unseres Ausflugs in den Westen der Insel, an einem klaren Tag im August, wurde ich ein weiteres Mal überwältigt. Wir hatten eine Rast eingelegt. In einem Restaurant in Faja de Ovelha thronten wir hoch über dem Fischerdorf Paul do Mar mit Sicht auf den blauen Atlantik und die grünen Berge. Das Essen war gut, der Kaffee belebte die ermüdeten Muskeln und den trägen Geist. Meine Bekanntschaft setzte mir den Namen des Restaurants auseinander. „ Wir befinden uns im Restaurant Zum Abgrund. So lautet die deutsche Übersetzung von Precipicio. Wenn Sie einmal über die Brüstung der Terrasse schauen, mein lieber Freund, so werden Sie einen jähen Abgrund gewahren.“ Ich beugte mich über das Geländer und schauderte. Nicht um der Tiefe willen, die unter mir gähnte, sondern der Sprachsymbolik des Ortes wegen. Adorno im Hotel Abgrund. Wieder bemächtigte sich der Kulturphilosoph meines Bewusstseins. Die diffamierenden Worte des Philosophen Georg Lucács hallten in mir. Der marxistische Doktrinär war während des zweiten Weltkriegs gegen eine Exilgruppe, der Adorno, Horkheimer, Marcuse, Döblin und andere angehörten, zu Felde gezogen, es hätten sich einige bürgerliche Intellektuelle in einem „Hotel Abgrund“ bequem eingerichtet, um zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten über die Unrettbarkeit der Welt zu philosophieren. Nun war ich nach der Adorno-Episode im Waschsalon im Restaurant „Zum Abgrund“ gelandet. Ein Zeichen? Eine Lenkung? Gar Ironie? – Adornos Fährten führen in viele Richtungen. Eine davon heisst Beckett. Als mir Wladimir vorgestellt wurde, assoziierte ich ohne Umschweife die beiden Vagabunden Wladimir und Estragon aus „Warten auf Godot“. Wladimirs Zähne waren faul. Er arbeitete als Hilfsarbeiter in einem Magazin. Wladimir sprach Portugiesisch, mit mir später Französisch und dann Deutsch. Seine Muttersprache ist das Russische. Wladimir stammt aus der Ukraine, wo er als gebildeter Mann nichts verdiente. Dort war er arm, in Madeira gilt er nichts. Ein Landstreicher, der vom äussersten Osten zum äussersten Südwesten Europas vagabundiert ist. Wladimir hat Kumpane in der Fremde gefunden. Ukrainer und Russen wie er. Und dann noch einen – nicht so armselig wie seinesgleichen. Es scheint Godot zu sein, der Erwartete. Es ist einer, der Wladimir abends im grossen Landrover von der Arbeit abholt und mit anderen Landsleuten ins saubere, trockene Heim kutschiert. Wo ein Bett steht, es eine Dusche hat und zu essen gibt. Der profane Godot ist ein grossgewachsener schlanker Schwarzer mit edlem Gesicht. Er stammt aus einer der ehemaligen afrikanischen Kolonien, die nach Abzug der portugiesischen Truppen 1975 von der Sowjetunion unterstützt wurde. Der Schwarze studierte als Stipendiat vier Jahre lang in Leningrad. Portugiesisch ist seine Landessprache, und Russisch hat er fliessend in der Sowjetunion sprechen gelernt, so dass er nun als Subunternehmer auf Madeira billige russische und ukrainische Hilfsarbeiter vermitteln kann. Die Angehörigen der ehemaligen Grossmacht stehen in der Obhut des ehemaligen Stipendiaten, der an ihnen gutes Geld verdient. Ob Wladimir weiss, dass Godot gekommen ist? Er hat es gut bei ihm. So gut, wie die beiden Clochards in Becketts Stück es erhofften. Doch was macht der schwarze Godot, wenn Wladimir einmal krank wird? Bezahlt er ihm den Arzt? „Falsche Versöhnung“, so würde Adorno die Beziehung dieses ungleichen Paares nennen. In der Kritischen Theorie darf die Ankunft Godots halt nur gedacht werden. So wie meine Begegnungen mit Adorno auf Madeira eigentlich auch nur „gedacht“ wurden – und trotzdem sehr lebendig waren. Abends wenn ich die Klausurhefte schliesse, schreibe ich hin und wieder meiner Bekanntschaft in der Ferne. Aber sie versteht nicht, warum mir ihre Insel so nahe gekommen ist. Vielleicht bezieht sich auch auf die Gedankenwelt, was der Philosoph über „grosse Kunst“ schrieb: Sie muss unverständlich bleiben.

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