Geschichten aus Madeira

19. Juni 2005

Ansichten eines Narren

Zum Narren macht sich unser Mitarbeiter Julian Röwekamp in dieser Folge seiner Madeira-Geschichten. Jedenfalls aus der Sicht seines einheimischen Geschäftspartners. Verbindungen zu einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll seien beabsichtigt, erläuterte uns der Autor - doch die Perspektive habe sich verändert.

Ein Dezember-Nachmittag an der Westküste. Ich bin geschäftlich mit Nonu verabredet. Die Agentin, die ihn schickt, gab eine Beschreibung meines Aussehens auf seinen Weg. Ich weiss nichts von ihm. Wer mich anspricht, der wird Nonu sein. Zur verabredeten Stunde treffen warme Strahlen mein Gesicht. Die Sonne steht nicht mehr hoch über dem Meer. Unbesorgt steigt sie den blauen Wellen unterhalb der Steilküste entgegen und wandelt sich dabei in weiches Gelb. An seinem Ende malt der Himmel einen langen violetten Strich in der Farbe des pompösen Klerus oder eines berauschten Jimi Hendrix'. Vierhundert Kilometer östlich von Madeira, im marokkanischen Essauouira, komponierte der Musiker einen Traum vom Werden und Vergehen: „And the castles made of sand melt into the sea. Eventually.“ Sanft tönt die Melodie in den Ohren. Die Wellen unten rauschen träumerisch. Der warme Nachmittag erhält Besuch von der Dämmerung. Die kommt nur auf einen Sprung. Sie ist kurz im Dezember. Noch kürzer aber ist der Bremsweg eines kleinen Autos, das in die Stille kracht. Ein junger Mann springt aus der Karosse: „Warum hast du kein Handy, Mann?“ –„Wozu?“ frage ich Nonu. Das spornt ihn an. Seine Antwort klingt empört. „Ich bin heute verhindert. Mir ist was dazwischen gekommen, verstehst du. Eigentlich konnte ich gar nicht weg.“ – „Nun bist du aber da. Also?“ Ich lege meinen Kopf schräg. Nonu fuchtelt mit seinem Handy vor meiner Nase herum. „Weil du nicht zu erreichen bist, musste ich alles stehen und liegen lassen. Hör mal, ein Anruf und wir hätten das Treffen platzen lassen. Aber so bist du hierher gekommen und hast lange auf mich warten müssen.“ – „Ich habe gar nicht gewartet, Nonu.“ – „Da hast du es gut. Hattest was zu arbeiten dabei. Während ich mich hinterm Steuer abhetze, um dir zu sagen, dass ich sofort wieder zurück muss.“ Nonus Augen weiten sich dramatisch. „Mein Computer ist abgestürzt. Ich versuche mit einem Kollegen, lebenswichtige Daten zu retten. Besorg dir bitte ein Handy! Dann können wir uns demnächst so was sparen. Ist für dich ja genauso ein verlorener Nachmittag wie für mich. Ich wäre am Computer geblieben und du hättest sogar frei machen können. Raus ans Meer fahren und mal richtig ausspannen oder so.“ – „Aber das tue ich die ganze Zeit, bis dein Handy hier aufkreuzte.“ Mit dem Knall der Autotür fällt die Sonne blass ins Meer. Nonu sitzt startbereit. Zum Abschied senkt eine Elektronik sein Seitenfenster einen Spalt herab: „Ich glaube, mit dir können wir keine Geschäfte machen.“ Rote Rücklichter verloren sich am Nachthimmel.

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